Vier männliche Weißeuropäer

Wenn Piraten gerade mal nichts zu tun haben, dann streiten sie untereinander.

So zum Beispiel zur Zeit darüber, was die „richtige“ Rassismusdefinition ist.

Ursache dieser Auseinandersetzung ist der Artikel „Querulantenwahniges“ von Julia Schramm zur Klage gegen den Ankauf der Steuerdaten-CD, in dem sie schreibt , dass „vier männliche Weißeuropäer“ beschlossen haben, Anzeige gegen den Finanzminister von NRW zu erstatten [1].

Statt eine Diskussion über die Anzeige zu beginnen, wurde über „männliche Weißeuropäer“, Sexismus und Rassismus diskutiert. So wie Piraten halt sind: immer das Unwichtigste in einem Beitrag fest im Visier und dann auf Angriffsmodus schalten.

„…das ist nicht white man’s burden reloaded“

Da wurden gewagte Behauptungen wie „Die Bezeichnung “männliche Weißeuropäer” würde ich in dem Zusammenhang – sexistische Kackscheiße nennen“ in das Wohnzimmer der Piratenpartei, das Internet gestellt.

Mir ist nicht ganz klar, wie in der Benennung von Menschen als “männliche Weißeuropäer” ein „wertendes Verhalten“ oder die „ungefragte Zuschreibung von Verhaltensmustern aufgrund des Geschlechts oder eines Rollenbildes“ liegen soll, aber egal.

Ist der Mensch, der das geschrieben hat, halt ein Fall für diese Lektüreempfehlung [3] .

Schlimmer wird es mit den Menschen, die meinen, der Beitrag sei „rassistische Kackscheiße“ oder schreiben „Das [Nennen von Geschlecht, Herkunft und Rasse] ist in dem Zusammenhang so was von unnötig und pure sexistische, rassistische Hetze“. Diese Beiträge tauchten haufenweise auf Twitter und in der Blogsphäre auf.

„…das ist kritisch ist wer kritisch ist zu dem worin er steht“

Demgegenüber steht ein Beitrag, der klar macht, dass die Bezeichnung von Menschen als „vier männliche Weißeuropäer“ nicht rassistisch ist. Dieser Beitrag ist „Critical Whiteness in action“ [5] von Dorothee Scholz und Fabio Reinhardt. Und hier will ich ansetzen.

Die grundlegende Differenz zwischen „Critical Whiteness in action“ und den Kritikern von Julia Schramm ist der unterschiedliche Rassismusbegriff.

Einerseits berufen sie sich auf einen nicht passenden Rassismusbegriff wie „Rassismus ist die Diskriminierung von Angehörigen einer ethnischen Minderheit“. Auf der Basis dieses Rassismus Begriffs kann nicht begründet werden, warum die Bezeichnung “männliche Weißeuropäer”, und sei es nur in der BRD, auch nur irgendwie rassistisch sein sollte. Klar sind “männliche Weißeuropäer” in der BRD eine Minderheit, da sie aber das Glück haben, der selben Ethnie angehören wie die “weiblichen Weißeuropäer” stellen sie dann doch die Mehrheit. [N]

Also, keine Zeit verschwendet, hin zum Nächsten.

„…und ich will’s weder hören noch supporten“

Andere Kritiker von Julia Schramm benutzen den von Heitmeyer definierten Rassismusbegriff.

Dieser definiert Rassismus [6] wie folgt: „Rassismus umfasst jene Einstellungen und Verhaltensweisen, die Abwertungen auf der Grundlage einer konstruierten „natürlichen“ Höherwertigkeit der Eigengruppe vornehmen.“

Nach dieser sehr allgemeinen Definition ist es natürlich möglich, dass Menschen, die Teil einer rassistisch diskriminierten Gruppe sind, von sich aus Menschen einer anderen Gruppe rassistisch diskriminieren.

Ihnen fehlt allerdings die Wirkungsmacht, aus den eigenen Vorurteilen heraus negativ gegen diese Gruppe zu wirken.

Ein Beispiel: „People of Colour“ gehören in der BRD einer diskriminierten Minderheit an. Wenn sie nun alle der Überzeugung sind, das alle Weißen minderwertig sind, so ist das zwar eine rassistische Idee, hat aber ansonsten keine weiteren Folgen für die Weißen.

Die „People of Colour“ können ihnen weder den Arbeitsplatz verweigern, da sie nicht im Besitz der ökonomischen Macht in der BRD sind, noch sie bei der Wohnungssuche im gleichen Maße benachteiligen, wie dies mit ihnen durch die Weißen geschieht.

Auch andere Mechanismen gesellschaftlicher Diskriminierung stehen ihnen nicht zu Verfügung.

„…wenn du kritisch bist, doch dich nicht siehst, bleibt das dein Privileg“

Dies durchzieht alle Bereiche, in denen Diskriminierung auftreten kann, gleichermaßen.

Die einzige Möglichkeit, wie sich der „Rassismus“ einer Minderheit gegen Teile einer Mehrheit Ausdruck verschaffen kann ist verbal oder mit Gewalt.

Gewalt wird sich aber immer nur gegen Einzelne richten. Diskriminierte Minderheiten sind, auch wenn sie über ein rassistisch aufgeladenes Denken verfügen, nicht dazu in der Lage, als Eigengruppe der Masse der Mehrheitsgruppe gewalttätig gegenüber zu treten.

Um es zu versinnbildlichen: ein Pogrom wie in Rostock-Lichtenhagen kann nur von gewalttätigen Angehörigen der Mehrheitsgruppe in der BRD, z.B. von “männlichen Weißeuropäern”, durchgeführt werden.

Selbst alle „People of Colour“ in der BRD sind nicht dazu in der Lage, die Wirkungsmacht zu entfalten, um so ein Pogrom in der bekannten Form zu organisieren.

„People of Colour“ können immer nur individuell rassistisch wirken, also niemals gesellschaftlich.

Direkte, rassistische Gewalt von „People of Colour“ gegen Teile der Mehrheitsgesellschaft aber steht in einem direkten Zusammenhang mit den rassistisch diskriminierenden Strukturen und den Machtverhältnissen in unserer Gesellschaft.

„…alle kennen ihn im Squad, alle machen Platz für ihn“

Begreifen wir Rassismus als Ausdruck von gesellschaftlichen Machtverhältnissen, wird klar, dass direkte rassistisch motivierte Gewalt, die von Angehörigen der Minderheit ausgeht, niemals die gleiche Form von Gewalttätigkeit annimmt wie die der Mehrheit.

Rassismus der Mehrheit gegen die Minderheit muss immer im Zusammenhang mit den strukturellen, alltäglichen und ideologischen Aspekten von Rassismus gesehen werden.

Entscheidend ist aber: wegen „People of Colour“, die ”männliche Weißeuropäer” für minderwertig halten werden keine Gesetze geändert, “männliche Weißeuropäer” werden deswegen keinen sinnlosen Polizeikontrollen aufgrund der Hautfarbe ausgesetzt, kein Arbeitsgericht wird feststellen, das der Anblick von “männliche Weißeuropäer” in einem Restaurant keinen anderen zuzumuten ist und darum ein Kündigungsgrund ist usw.

Man könnte auch sagen: Rassismus ohne Macht ist zahnloser Rassismus, da er keine gesellschaftliche Wirkung entfalten kann.

Ganz, ganz herzlichen Dank Doro Scholz für das Korrigieren!

[N] das mit dem Patriarchat, der Herrschaft von Männer über Frauen und warum eine Minderheit von weißen Männern gesellschaftliche Macht in dem Maße ausübt, in dem sie sie ausübt, erkläre ich ein anderes mal!

Zwischenüberschriften aus: Sookee // bitches butches dykes & divas // 2011, ..09.. einige meiner besten Freunde sind Männer

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch Birgit Rommelspacher, die einen Queer-Rassismus- Begriff definiert, der in klarer Abgrenzung zu Heitmeyer zu sehen ist  und dem in „Critical Whiteness in action“ genutzten nahe kommt.

http://www.birgit-rommelspacher.de/pdfs/Was_ist_Rassismus.pdf

Quellen:

[1] http://juliaschramm.de/2012/08/18/querulantenwahniges-2/

[2] http://pastebin.com/JMkqUBME

[3] https://lqfb.piratenpartei.de/lf/initiative/show/3786.html

[4] http://die13.wordpress.com/2012/08/19/sexistische-rassistische-scheise/

[5] http://blog.fabioreinhardt.de/equalism/critical-whiteness-in-action/

[6] Deutsche Zustände, Folge 2, 2003: Wilhelm Heitmeyer: Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Die theoretische Konzeption und empirische Ergebnisse aus 2002 sowie 2003, 20f

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4 Kommentare - “Vier männliche Weißeuropäer”

  1. Bastian Blankenburg Says:

    „Man könnte auch sagen: Rassismus ohne Macht ist Zahnloser Rassismus, da er keine gesellschaftliche Wirkung entfalten kann.“

    Ich stimme dem nicht zu, solchen „Rassismus ohne Macht“ überhaupt Rassismus zu nennen. Rassismus ist kein abstraktes Konstrukt, sondern bezeichnet ganz konkrete historisch konstruierte Wertigkeitshierarchien.

    In den USA z.B., denen von weißen (meist männlichen) Deutschen oft vorgehalten wird, dass der Rassismus dort ja viel schlimmer sei, ist allen völlig klar, dass es bei „Racism“ immer um von weißen ausgehenden Rassismus geht. Alles andere wird höchstens als „Reverse Racism“ bezeichnet, aber auch dieser Begriff ist nicht zu akzeptieren (siehe bswp. http://www.raceandhistory.com/selfnews/viewnews.cgi?newsid1024893033,80611,.shtml).

    Das kommt vielleicht daher, dass das Bewusstsein für die eigene rassistische Geschichte mit Sklaverei etc. in den USA viel ausgeprägter ist als in Deutschland. Ja, auch Deutschland war Kolonialmacht, hat in Namibia einen Völkermord begangen, für den es sich bis heute nicht entschuldigt hat, Sklavenhandel betrieben und Menschenzoos (z.B. Hagenbeck, dessen Tierpark immer noch so heißt). Diese Geschichte wirkt sich bis heute auf die Wahrnehmung von Schwarzen Menschen durch die weiße deutsche Mehrheitsgesellschaft aus, u.a. durch ihre Darstellung in Schulbüchern und Medien. Wenn man diese Wahrnehmung ändern möchte, wird man dieser deutschen Geschichte ins Auge sehen müssen um ehrliche Aufarbeitung zu betreiben. Schulbücher überarbeiten, Straßen umbenennen etc.

    Das ist auch der Grund, warum man vorsichtig sein sollte, den Rassismusbegriff unbedarft z.B. auf Diskriminierung von Muslimen auszudehnen. Es mag ähnliche Muster und Auswirkungen geben, aber eben eine andere Geschichte. Und auch dieses Problem muss meiner Meinung nach spezifisch angegangen werden, wenn man wirklich etwas verändern will. Und nicht nur zu sagen: „Für mich sind alle Menschen gleich, tralala bla blub“.

    • kpeterl Says:

      Hallo Bastian,
      Ja, du hast Recht!

      Wir sind uns einig, das Deutsche (um es einfach zu machen: in der BRD) von Rassismus nicht Betroffen sein können. Wir müssen uns aber leider damit auseinandersetzen, dass das geblöke von Deutschenfeindlichkeit und „Rassismus gegen Deutsche“ weit verbreitet ist.

      Dass es letztlich nicht ohne politische Folgen bleibt, beweisen die Äußerungen zu dem Thema von Kristina Schröder [1]. Die Menschen, die der Meinung sind, die Bezeichnung von Menschen als „männliche Weißeuropäer“ sei Rassistisch, sind hier ja nur die Spitze des Eisbergs.

      Eine Debatte über Rassismus, wie sie nach @laprintemps Blogpost losgebrochen ist, entsteht nicht in einem luftleeren Raum. Eine Debatte über „Rassismus gegen Deutsche“ dient dazu, Interessenskonflikte auszutragen und hier laufen, oberflächlich betrachtet, die Konfliktlinien entlang ethnisch definierter Gräben.

      Im besten Falle handelt es sich hier also um die Politisierung von Ethnizität oder dem, was in außereuropäischen Kontexten pauschalisierend als „ethnische“ oder besser „ethnisierte Konflikte“ charakterisiert wird.
      Der Ausdruck „ethnisiert“ im Gegensatz zu dem Biologistischen “ethnisch“ spricht genau den Knackpunkt an: die Politisierung von Ethnizität ist ein gesellschaftlicher Prozess, gelenkt durch handelnde Akteure und Diskurse.

      Im schlechtesten Fall ist der Vorwurf des „deutschfeindlichen Rassismus“ ein gezielter rechtspopulistischer Angriff auf die Definitionsmacht der rassistisch Betroffenen. Im besten Fall, wie bei der Piratendiskussion, beruht er auf einem falschen Verständnis von Rassismus.

      Die Thematisierung von Ethnizität, ja allein schon die Konstruktion von „Eigengruppen“, sei es basierend auf ethnischer, sexueller oder nationaler Identität, passiert nicht ohne weiteres.

      Sie hat immer eine politische, soziale und gesellschaftliche Geschichte, die diese Konstruktion hervorgebracht hat. Diese Hat entweder ausgrenzende Fremdzuschreibung oder innere, kollektive Identitätsfindung, um eigene gemeinsame Interessen durchsetzen zu können (oder in Wechselwirkung von beidem) zur Grundlage.

      Dass „Ethnizität“ oder ethnische Identität Thema ist, liegt schlicht an dieser rassistisch strukturierten Gesellschaft.

      Diese Gesellschaft bedarf des Rassismus und damit der ständigen Thematisierung von „Ethnizität“ und Kultur, um gesellschaftlichen Gruppen die gleichberechtigte Teilhabe zumindest zum Teil zu verweigern, um sie zu marginalisierten und um sie auszugrenzen. [2]

      Ich hätte natürlich in meinem Beitrag von „Ethnisierung“ von Konflikten schreiben könne, nur: jemand der Grundlegende Ideen zur Konstruktion von Rassismus nicht kennt, kann dem Diskurs so nicht folge. [3]

      [1] http://www.welt.de/politik/deutschland/article10684020/Warum-Schroeder-deutsche-Schlampe-genannt-wurde.html

      [2] siehe hierzu Birgit Rommelspacher, Was ist eigentlich Rassismus?

      [3] Spannend sind in diesem Zusammenhang übrigens die Ansätze von Timo Lange und Eike Sanders, nachzulesen u.a. hier
      http://zfa.kgw.tu-berlin.de/mitarbeiter/pdfs/Broschuere_ReachOut2010.pdf,
      hier
      http://www.sz-online.de/nachrichten/artikel.asp?id=2670834
      , aber auch in den Schattenberichten

  2. die13 Says:

    „Mir ist nicht ganz klar, wie in der Benennung von Menschen als “männliche Weißeuropäer” ein „wertendes Verhalten“ oder die „ungefragte Zuschreibung von Verhaltensmustern aufgrund des Geschlechts oder eines Rollenbildes“ liegen soll, aber egal.“

    Wertend ist die Unterstellung, dass die Steuerhinterzieher und die Anzeige Erstattenden nur „weißeuropäische Männer“ sein könnten, weil nur sie zu so etwas fähig seien. Welches Geschlecht sich davon beleidigt fühlen darf sei offen gelassen.

    • kpeterl Says:

      „Nun haben sich also vier männliche Weißeuropäer der Piratenpartei zusammengeschlossen, um den Ankauf einer Steuer-CD durch das Land NRW vor einem Gericht zu beklagen, um anderen männlichen Weißeuropäern mit sehr viel Geld und krimineller Energie mit Tatkraft zur Seite zu stehen.“

      Die Benennung der vier anzeige erstattenden als das, was sie sind, nämlich männlich und Weißeuropäer als Unterstellung, also eine eine unbegründete (böswillige) Behauptung zu klassifizieren ist, nun, Abenteuerlich!

      Und weiter, der Satz „Wertend ist die Unterstellung, dass […] die Anzeige Erstattenden nur „weißeuropäische Männer“ sein könnten,weil nur sie zu so etwas fähig seien“ ist in sich selbst schon absurd.

      Wenn “ Weißeuropähische Männer“ eine Anzeige Erstatten und Mensch das mit das bewertend beschreibt, was soll daran abfällig oder eine eine unbegründete (böswillige) Behauptung sein?

      Oder waren die, die die Anzeigen unterschrieben haben, keine Männer? Keine Weißeuropäer? Was weist du über sie, was sich dem Betrachtenden Entzieht?

      Der zweite Teil wird schwieriger. Klar ist der Halbsatz „…männlichen Weißeuropäern mit sehr viel Geld und krimineller Energie mit Tatkraft zur Seite zu stehen.“ zuerst einmal spekulativ! Andererseits kann Mensch davon ausgehen, das, aufgrund der Gesellschaftlichen Machtverhältnisse Realität beschreibt.

      Klar, du hast natürlich Recht; im Zweiten teil fehlt die Benennung der Steuer hinterziehenden Frauen.
      Aber darum ging es dir ja nicht!


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