Sexarbeit äh, war da nicht was?

Sexarbeit ist eine Realität. Schätzungsweise zwischen einer und anderthalb Millionen Männer – Messebesucher, Normalos, Touristen, Alte und Junge – suchen täglich in Deutschland Sexarbeiterinnen auf.  Zur Feier eines Geschäftsabschlusses, der gelungenen Gesellenprüfung, nach Überstehen der Bundeswehrzeit oder einfach nur so.

Sexarbeit ist ein fest verankerter Wirtschaftszweig, in dem Immobilienbesitzer, Bordellchefs, Zuhälter, Rechtsanwälte, Verlage (mit Werbung und Anzeigen für Sexarbeit) und nicht zuletzt die Regierung über Steuern ganz sicher nicht zu kurz kommen.

Der Jahresumsatz im Rotlichtmilieu wird auf 12,5 Milliarden Mark geschätzt und erreicht damit die Wirtschaftskraft eines Großunternehmens wie adidas.[1]

Äh, aber war da nicht noch was?

„Normal“ und unabänderlich ist Sexarbeit deswegen noch lange nicht.

Ab jetzt geht es im übrigen nur noch um den Kauf von anonymen Sex oder nähe von Männern bei Frauen da die Verhältnisse hier andere sind als bei anderen formen von Sexarbeit. Ausserdem erspare ich mir den Blödsinn, von Sexarbeitern zu schreiben, wenn ich Frauen meine. Auf der Anbieterseite ist in diesem Text nur von Frauen, also Sexarbeiterinnen die Rede. Diese als  Sexarbeiter zu bezeichnen ist mir schlicht zu Blöde.

Wem das nicht passt: und Tschüss!

Don’t you got nothin‘ to do

Das Prostitutionsgesetz, das die rot-grüne Bundesregierung im Jahr 2002 Verabschiedete, ist bisher weitgehend Wirkungslos.

Das Gesetz sollte vor allem die Einordnung der Sexarbeit als „Sittenwidrig“ beseitigen.

Menschen, die von Sexarbeit leben sollten Arbeitsverträge abschließen dürfen oder ihre Honorare einklagen können. Menschen, die von Sexarbeit leben sollten Aufnahme in gesetzliche Sozialversicherungen finden.

Arbeit in Bordellen zu vernünftigen Bedingungen sollte ermöglicht werden, ohne dass sich deren Betreiber gleich als „Förderer der Prostitution“ strafbar machen.

Das ganze war von Vornherein halbherzig und nicht durchdacht. Außerdem war, wie bei vielen Rot-Grünen Gesetzen, Show statt Konsequente weitreichende Legalisierung gewollt.

Wer den Wunsch, Sexarbeit nicht mehr als „sittenwidrig“ anzusehen, wie geschehen, nicht im Gesetzestext verankert, sondern nur in der Begründung, der hat nicht den willen, die „Sittenwidrigkeit“ real zu beseitigen.

 So kommt es dazu, das manche Bundesländer Sexarbeit Einfach weiterhin als „sittenwidrig“ definieren und dagegen nach eigenen Ermessen vorgehen.

Verschiedene andere rechtliche Sonderbehandlungen der Sexarbeit wurden gar nicht erst geändert: Es gibt weiterhin einen Zuhältereiparagrafen, den Bayern etwa so weit auslegt, dass dort  Arbeitsverträge faktisch ausgeschlossen sind.

Auch Sperrgebiets-Verordnungen die Sexarbeit in bestimmte Zonen verbannen und das Werbeverbot gibt es nach wie vor. Behörden können Bordelle immer noch als „störendes Gewerbe“ aus Wohngebieten vertreiben.

Kurz: bis heute ist nicht eindeutig klargestellt, ob die „Sittenwidrigkeit“ real gefallen ist oder nicht!

Than worry about my friends? — Check it

Die Nachfrage nach sexuellen Dienstleistungen ist groß und lässt sich – wie das Beispiel Schweden zeigt – auch dann nicht eindämmen, wenn Männer als Kunden mit Bestrafung rechnen müssen.

Ist Sexarbeit also ein Naturgesetz?

Es ist natürlich zu fragen, ob es bei der gängigen Form der Sexarbeit, bis auf einen vernachlässigbaren Prozentsatz handelt es sich um weibliche Sexarbeiter für männliche Freier, tatsächlich um Sex geht.

Ähnlich wie es bei einer Vergewaltigung nur Vordergründig und Seltenst um Sex und immer um Macht geht, dreht sich Sexarbeit nur am Rande darum, Sexuelle Befriedigung für Männer zu erreichen, auch wenn dies individuell so empfunden werden mag.

Bei dieser Vorherrschenden Form der Sexarbeit wird jedoch ein Herrschaftsverhältnis Reproduziert, dessen Kennzeichen unter anderem, auch die Verfügbarkeit des weiblichen Körpers für Männer ist.

By the Way: Wie schnell jede Frau plötzlich zur Hure oder Schlampe werden kann, zeigen die immer noch üblichen Beschimpfungen von Männern, wenn Frauen nicht deren Bedürfnissen nachkommen, sei es im Auto, auf dem Fahrradweg oder in der U-Bahn, oder die Beschimpfung von A. Merkel am Infostand als Hurensohn.

I can’t do nothin‘, girl, without somebody buggin‘

Sexarbeit steht für Strukturelle Macht und zuweilen Handfeste Gewalt gegenüber Frauen sowie die Geringschätzung von Frauen und ihren Körpern.

Sexarbeit ist nur ein Bereich neben anderen, so zum Beispiel Hausarbeit, Geschlechts-hierarchische Erwerbsarbeit oder (sexuelle) Gewalt gegen Frauen, in dem sich patriarchale Strukturen ausdrücken bzw. wo Herteronormativität generiert wird.

Zwar kann den Nutzern Sexueller Dienstleistungen nicht als einziges und wesentliches Motiv für ihr Handeln der Wunsch, Macht ausüben zu wollen, unterstellt werden. Sie passen sich jedoch in diese gewaltförmige Struktur ein, ohne konkret das Gefühl zu haben, persönlich einem Bedürfnis nach Macht nachzugehen, wenn sie Sex von einer Sexarbeiterin kaufen.

Der Sexarbeit und den dafür notwendigen Deutungsmustern (“Männer brauchen Sex”, “Sex mit der Ehefrau ist langweilig und kompliziert”) liegen Strukturen zugrunde, die nur im Kontext patriarchaler Vergesellschaftungsprozesse [2] Entstehen und Wirkungsmächtig werden können.

Sexarbeit, im Sinne von Lust nach Anonymen Sex oder Intimität bei Männern und Frauen, muss natürlich nicht Notwendigerweise anti-emanzipatorisch sein.

I used to think that it was me, but now I see it wasn’t

Ein großer Teil der Sexarbeiterinnen arbeitet aus individueller Sicht selbstbestimmt, keineswegs sind sie „Opfer“, auch wenn es Frauenhandel und Zwangsprostitution gibt, deren großes Ausmaß seit Ende der 90er Jahre global gesehen eine neue Qualität erreicht hat.

Angesichts der großen Nachfrage der Männer nach käuflichem Heterosex, der Wachsenden Ökonomischen Ungleichheit und den oft Schwierigen Möglichkeiten, auf andere Art und Weise Geld zu verdienen, sollte aber die Entscheidung als Sexarbeiterin zu arbeiten, jedoch nicht  mit Freiwilligkeit verwechselt werden.

Genauso wenig arbeiten Migranten als Zeitungsverkäufer auf der Straße, halten die Betriebskantine sauber oder jobben bei McDonalds, verkaufen Alg2 Empfänger Straßenzeitungen freiwillig, auch wenn sie individuell glücklich sind, überhaupt eine Arbeit gefunden zu haben.

Fatal für emanzipatorische Ansprüche wäre es, diese Zuweisungsmuster und hierarchischen Arbeitsteilungen als gegeben hinzunehmen.

Diskriminierende gesellschaftliche Verhältnisse werden festgeschrieben und normalisiert, wenn die Arbeit, welche die verschiedenen sozialen Gruppen Verrichten müssen, als von ihnen Selbstbestimmt und Selbstgewählt gedeutet werden.

 So zu tun, als sei dann alles in Butter, verkennt, dass Sexarbeit patriarchale Strukturen und hegemoniale Heteronormativität verfestigt.

They told me to change, they called me names, and so I popped one

Abgesehen davon, dass bei der gängigen Sicht der Sexarbeit die Rolle der Männer aus dem Blick gerät, bleiben auch Migrantinnen, die als Sexarbeiterinnen tätig sind, auf der Strecke.

Ein Großteil der Sexarbeiterinnen sind Arbeitsmigrantinnen, die in der Regel als “Papierlose” ihre Dienste anbieten, da sie keine Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis haben. In Frankfurt am Main beispielsweise sind laut agisra e.V. von den rund 1.500 Sexarbeiterinnen 95% Migrantinnen.

Für die „Papierlosen“ Frauen unter ihnen ist die Einklagbarkeit des Lohns oder die Möglichkeit, sich sozialversichern zu können, einen feuchten Dreck wert. Ein Schutz vor Polizeirazzien, Abschiebung bietet auch die 2002 verabschiedete rechtliche Besserstellung von Sexarbeit nicht.

 Opinion’s are like assholes and everybody’s got one

Letztendlich bieten alle LQFB Initiativen zur  Sexarbeit für die oben Beschrieben Probleme keine Lösungen. Auch wird Queer  Sexarbeit dort nicht erwähnt, und die Gesamtstruktur ist strikt an der Heteronormativität ausgerichtet.

Aber von dem bestehenden ist die „Initiative i4342: Für eine freiwillige und selbstbestimmte Sexarbeit“ [3] die, die ich unterstützen würde.

Die Zwischenüberschriften stammen aus Salt ‚N‘ Pepa None of Your Business

[1]http://www.bpb.de/publikationen/J1EZ3J,5,0,Milliardengesch%E4ft_illegale_Prostitution.html

[2] der Vorgang zunehmender Verfestigung sozialer Beziehungen. Die am Vergesellschaftungsprozess Beteiligten orientieren ihr Verhalten wechselseitig aneinander und schaffen auf diese Weise soziale Beziehungen, die für andere zur sozialen Tatsache werden.

[3] https://lqfb.piratenpartei.de/lf/initiative/show/4342.html

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