Die Freunde der Jüdischen Vorhaut, Reloaded

Um im Jahre 2012 über die Beschneidung von Jüdischen und Muslimischen Jungen schreiben zu können, muss am Anfang immer eine klare Positionierung für oder gegen Beschneidung erfolgen.

Egal aber, ob der Stellungnehmende gegen oder für Beschneidung ist, das Antisemitische und antimuslimische Pack ruft immer „Ich bin auch schon hier.“

.. Das hier ist für alle die“

Wenn z.B.  Michael Wolffsohn in der Welt aus Jüdischer Sicht gegen die Beschneidung argumentiert, tauchen in den Kommentare dazu Bemerkungen „Wer ist Mose? War das nicht ein Tier?“ oder „Nur tollerante Juden und Moslems sind gern wilkommen.“, sowie „man niemanden ohne seine erklärte Zustimmung einen Körperteil amputiert.“ auf. [1]

Man könnte sich über den Geisteszustand des  Wolffsohn Applaus spendenden Pöbels Gedanken machen, aber das wäre Zeitverschwendung. Diese Menschen, die gefangen sind in einer Melange aus Desinformation, grundlegender Blödheit und Halbwahrheiten sind keine Diskussionspartner in der Beschneidungsdiskussion, denn sie sind keinem Rationalen Gedankengang zugänglich.

Schlimm ist es, wenn das einzige „Argument“ für die Beschneidung in den Kommentaren „aber woran sollen wir sie dann erkennen?“ ist. [1]

Wenn ein Ex-Muslim und Gegner der Beschneidung wie @AliCologne sich zu dem Thema äußert, sind die normalen Kommentare des Fan Clubs ihm nicht angemessen. In diesem Fall ist der Intellektuellen Standard auf  dem Niveau von „Politically Incorrect“, auch wenn es auf youtube gepostet wird.

Hier kann man dann Statements wie „Dass die Moslems die Schöpfung Ihres eigenen Gottes beleidigen indem Sie sich verändern, das ist lächerlich und doppelt krank..“ neben Äußerungen wie „Ich begrüße dieses Urteil, weil ich in ihm ein erstes kleines Bollwerk gegen den islamischen Gewaltexzess sehe“ sich aber weltoffen geben und argumentieren, das „ein Moslemkind empfindet dieselbe Tortur genauso wie ein jüdisches“.

… Die es wissen“

In all diesem liegt mein Problem!

Nicht, das ich alle Gegner der Beschneidung von Jungen, in welchem Lebensjahr auch immer, pauschal für Antisemiten oder antimuslime halten würde. Wie auch, den das wäre pauschalierend und das ist der Gegner jedes (Klugen) Gedankens.

Was mich verunsichert ist der breite Konsens innerhalb der Gesellschaft, das auch das plumpste, dümmste und vor Menschenverachtung triefende „Argument“ in dieser Debatte noch willkommen  ist.

Anders gesagt: es erschreckt,  wie schnell der dünne Firnis der Zivilisation in der BRD vergessen ist, wenn Teile der Bevölkerung auf nicht erfolgenden Widerspruch, der Zustimmung beinhaltet, stoßen , wenn sie dumpfe Ressentiments gegen Minderheiten schüren..

Hinzu kommt, dass auch Menschen, denen niemand es zutraut, sich plötzlich im Ton vergreifen.  So werden Menschen, die beschnitten sind, oftmals pauschal als „amputiert“ oder  „verstümmelt“ bezeichnet. [3]

Die Menschen, die sich der Klassifizierung als „amputiert“ oder „verstümmelt“ verweigern werden psychosomatische Störungen unterstellt. Am beliebtesten ist die, das sie sich, weil sie, als Juden, ja schon am achten Tag seines Lebens beschnitten wurden, an die Schmerzen nicht mehr erinnern können, sie verdrängt haben. [4]

Besonders perfide ist dies, wenn Menschen aus der Piratenpartei oder Freidenker so argumentieren, den sie, die gegen Bevormundung eintreten, maßen sich an, zum Erreichen eines Zieles Menschen zu bevormunden und zu Psychologisieren.

… Dass man alles kann“

Besonders peinlich wird es, wenn Freidenker gegen die Beschneidung argumentieren und, neben der Bereitschaft sich Klischees zu bedienen auch noch null Historisches Bewusstsein beweisen sowie klar machen, das sie eigentlich nichts von universellen Rechten halten.

Da schreibt ein Autor „Darüber hinaus ist es ein Treppenwitz der Geschichte: Ausgerechnet Vertreter der monotheistischen Religionen berufen sich auf Freiheiten, die damals wie heute gegen ihren erbitterten Widerstand erstritten werden mussten.

Angesichts dessen entlarven sich Nazivergleiche, wie man sie nicht nur von jüdischen Vertretern liest und hört („Schwerster Angriff auf das jüdische Leben seit dem Holocaust“, “Töten des Judentums in Deutschland”), als das, was sie sind: Als billige Polemik. Und Heuchelei. Denn die zahlreichen Privilegien, die religiöse Körperschaften genießen, bleiben natürlich unerwähnt.“.[5]

Ich sitze vor diesen Sätzen und denke mir: ist der eigentlich intellektuell Satisfaktionsfähig oder einfach nur unappetitlich?

Also da wird mit großen Donner den Religionsgemeinschaften in der BRD vorgehalten, das sie sich „auf Freiheiten, die damals wie heute gegen ihren erbitterten Widerstand erstritten werden mussten“, berufen.

Na, das ist mal eine steile These gegen das Judentum. Da sitze ich nun und befrage mein Wikipedia, wo auf dieser Welt  Freiheiten wie, Historisch, die Menschenrechte gegen den erbitterten Widerstand des Judentums erkämpft werden mussten?  Ich suche und denke und denke und suche.

Und finde:  Nichts!

…Doch man muss nichts müssen“

Eigentlich geht es den Autor ja nur darum, die, aufgrund der Historie diese Landes nicht ganz unbegründete Furcht einiger(?) Juden, das das Ziel der Vergangenheit, die Welt judenfrei zu machen, noch nicht aus dem Denken vieler Deutscher  verschwunden ist, zu diskreditieren.

Er hat aber schlicht, wie die meisten Deutschen, keinen Bock darauf, sich damit auseinanderzusetzen, sondern tut es, weil ja die Freiheit in Deutschland auch gegen die Jüdische  Religion erkämpft wurde, „als billige Polemik“ ab.

Das ist mal eine Denkfigur: ich behaupte, etwas gegen eine Religion erkämpft zu haben und darum ist das, was sie gegen meine Forderungen sagt, nichts wert („ billige Polemik“).

Dann kommt er aber mit dem schwersten „Argument“ daher. Er unterstellt den jüdischen Gemeinden in Deutschland Heuchelei, weil sie bei der Beschneidungs Debatte nicht permanent auf ihre Privilegien hinweisen.

Ich versuche mal die Argumentationskette zu fassen: Auch gegen das Judentum musste die Freiheit in der BRD erkämpft werden, darum ist die Angst vor dem erneuten Versuch, das jüdische Leben in der BRD auszurotten, billige Polemik und das auch deshalb, weil die Jüdische Religionsgemeinschaft die gleichen Rechte wie z.B. die Evangelische Kirche hat.

… Die es laut sagen“

Und weil Juden in Deutschland ähnliche Rechte wie „deutsche“ Religionsgemeinschaften haben, wird das Privilegien genannt. Ist halt so in Deutschland.

Und eines noch, Freidenker der du frei vom Denken bist: Freiheiten gelten universell und gerade auch für jene, die sich ihnen in den Weg gestellt haben. Es gibt nur ein Recht für alle, auf das sich jeder jederzeit beziehen darf.

Warum sind Menschen, die doch eigentlich ähnliche Ziele haben wie ich, „Intellektuell“ zu so was fähig?

Ich weiß es nicht und ich glaube, ich will es auch nicht wissen.

Ein letztes: im Rahmen der Beschneidungsdebatte sind verschiedene Diskussionen mit Moscheegemeinden und mit Jüdischen Gemeinden geführt worden. Dabei tauchte, von Seiten einzelner Menschen, auch aus der Piratenpartei, immer wieder die Forderung auf, auch Betroffene in die Diskussion einzubeziehen.

Auf meine entgeisterte Gegenfrage, als was sie den Vorbeter der Moschee oder den Rabbi der Synagoge bezeichnen würden, war immer die Antwort, dass man mit Betroffener einen Beschnittenen Gegner der Beschneidung meint.

Betroffenheit erfordert wahrscheinlich Qualen und Leiden und ist nicht vom Zustand der Vorhaut abhängig, sondern von der Haltung ihr gegenüber?

Ok, auch hier will ich lieber nicht wissen, wieso jemand der Beschnitten ist und nicht gegen Beschneidung ist, kein Betroffener von Beschneidung ist.

Über die, eine wie auch immer geartete eine Form von Intellekt nicht erkennbar machende, Gleichsetzung von Beschneidung mit sexuellen Missbrauch lasse ich mich hier nicht aus.

… Dass das Leben zu kurz ist“

Eine grundlegende Diskussion über das Elternrecht, die begonnen wurde, als das Schlagen von Kindern in die Diskussion kam, ist auch bei der Beschneidung unabdingbar.

Der Versuch, Menschen die einen Teil ihrer Persönlichen Identität aus ihrem Glauben beziehen, und darum der Beschneidung ihrer Kinder zustimmen, zu kriminalisieren, ist keine  Diskussion.

Eine Bewegung gegen Beschneidung muss klar machen, das sie den Antisemitischen und antimuslimischen Pöbel eindeutig in die Schranken weisen und ihm zeigen, das seine Intentionen nicht die der Beschneidungsgegner sind.

…Um nichts zu wagen“

Ach, mir fällt auf, dass ich noch kein Bekenntnis abgelegt habe.

Da die Diskussion über Beschneidung eine Bekenntnisfrage ist, hier ist es:

  1. Ich finde , das @AliCologne für sein Anliegen eine  tollen Job macht, weil er über die Schilderung seines Persönlichen Empfindens auch viele Menschen, die beschnitten wurden, zum Nachdenken bringt;
  2. Ich finde die Diskussion zur Beschneidung, die in einzelnen Bereichen der jüdischen Gemeinschaft in der BRD läuft, spannend;
  3. Ich finde die Diskussion zur Beschneidung, die in einzelne Bereichen der muslimischen Gemeinschaft in der BRD läuft, spannend;
  4. Ich finde es fatal, wenn in Deutschland angefangen wird, Juden und Muslime anzugreifen, weil sie eine Religiöse Einstellung besitzen, die mit Kulthandlungen verbundene ist. Nach meinem Verständnis bekämpfen Atheisten Religion und nicht die Menschen, die ihr angehören;
  5. Ich bin gegen Beschneidung von Kindern, egal ob Jungen oder Mädchen, akzeptiere aber die 4000 jährige Tradition einer Religionsgemeinschaft, der ich mich, auch als Atheist, verbunden fühle.

Die Zwischenüberschriften stammen aus Klee “ Für Alle, Die “ hier der link zum Viedeo http://www.youtube.com/watch?v=ao1ZLuYyZok

[1] http://www.welt.de/debatte/article108845278/Nicht-die-Beschneidung-macht-den-Juden.html

[2] http://www.youtube.com/all_comments?v=1VQyLvhd28o

[3] hier http://blog.sebi-rockt.de/2012/08/24/beschneidung-verstummelung-aus-religiosen-grunden/

und hier http://bremen.piratenpartei.de/Blog/2012-7-19/das-beschneidungsurteil-von-koeln—ein-richtiges-zeichen/

und hier http://piraten-erlangen.de/2012/07/18/kolner-beschneidungsurteil-ist-moralischer-meilenstein-piratenpartei-sieht-kinderrechte-gestarkt/

und hier http://www.politik-forum.eu/viewtopic.php?p=1594407

und und und

[4] so ab Min. 14 http://www.youtube.com/watch?v=K5RpxXKo3Nw&feature=related

[5] http://gbs-berlin.org/beschneidung-die-allianz-der-heuchler/

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One Comment - “Die Freunde der Jüdischen Vorhaut, Reloaded”

  1. Nic Says:

    Infos über die Beschneidung und deren Auswirkungen gibt es – ganz frei von Polemik – hier: http://pro-kinderrechte.de/faq/


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