Die Illusion von der Mitmachtpartei

Die Zeit ist ein langer, ruhiger Fluss, selten verändert sich etwas revolutionär, meistens geschieht dies evolutionär, das Ergebnis ist der fließende Übergang von einem zu einem anderen, entwickelteren Zustand.
Fließendes verändern des Gegenwärtigen geschieht unbemerkt, erfordert kein eigenes Handeln und führt zu einer evolutionären Bereicherung aller Beteiligten.

„…Dieses Haus ist besetzt ohne Pause bis jetzt“

Nicht so in der Piratenpartei. Hier stehen wir vor der Situation, das es revolutionäre Wachstumsschübe gibt, die alle Beteiligten überfordern.

Die Zustimmung des Bundestags zum Zugangserschwerungsgesetz war der wesentliche Grund für das starke Mitgliederwachstum der Piratenpartei ab Mitte 2009. Im Jahr 2010 hatte sich die Piratenpartei bei etwa 12.000 Mitgliedern stabilisiert. Für eine Partei, die 3 Jahre nach ihrer Gründung noch keinen Wahlerfolge, incl. des Erringens einer messbaren Anzahl von kommunalen Mandaten, zu verzeichnen hatte, eine grandioser Erfolg.

Besonders im Vergleich zu den Grünen, der letzten erfolgreichen Parteigründung der BRD. Hier stand in vielen Regionen und Bundesländern die kommunale Verankerung am Beginn der Entwicklung.
Nach einer Konsolidierungsphase begann der nächste und bis heute anhaltende revolutionäre Entwicklungsschub im Wachstum der Piratenpartei, nämlich mit dem Einzug in das Berliner Abgeordnetenhaus im September 2011.

Mit dem Einzug in drei weitere Landtage (Saarland, Schleswig-Holstein, Nordrhein-Westfalen) war ein weiteres hohes Mitgliederwachstum (Mitgliederzahl im September 2012: ca. 35.000) verbunden.[1]
Die Piratenpartei in Baden-Wüstenberg ist innerhalb von nicht einmal 3 Jahren von 1490 auf 3813 Mitgliedern gewachsen, also um 155%. [2]

„…denn wir kamen zuerst und wir gehen auch zuletzt“

Das sind tolle Zahlen, die nur nichts aussagen.

Nein, das ist nicht wahr, sie sagen schon etwas aus. Das Wachstum ist gut, das aber wiederum ist nur ein Teil der Wahrheit.

Der andere Teil sieht so aus, das die Beteiligung von Menschen an der Arbeit der Piratenpartei stagniert und damit, objektiv gesehen, zurückgeht.

Wer sich z.B. die Teilnahme von Menschen an den LPT’s vom LPT 2010.1 bis zur AV 2012/ LPT 2012.2 anschaut, so ist sie, in der Menge, von 170 (2010.1) auf 200 ( AV 2012) gestiegen.
Gemessen an der Mitgliederentwicklung hätten an der AV 2012 ~ 430 Menschen teilnehmen müssen. [3]

Das bedeutet, das die Mitwirkung an der Gestaltung der Piratenpartei durch Mitwirkung real von LPT zu LPT in einem erschütternden Maße zurückgegangen ist. Die Piratenpartei wird immer weniger zur Mitmachpartei. Dadurch aber verliert sie sich selber, denn Basisdemokratie ohne Basis ist nicht einmal mehr Demokratie.

„…Buenos Dias Messias auch wenn’s dir nicht passt“

Warum ist das so? Warum nimmt die Anzahl der Menschen, die Teil der Piratenpartei werden wollen zu und die Bereitschaft, für die Ziele dieser Partei zu arbeiten, so massiv ab?

Die Gründe dafür mögen vielfältig sein, ein Grund scheint mir aber von zentraler Bedeutung zu sein.
Ich will ihn einmal als eine nur rudimentär entwickelte „Willkommenskultur“ bezeichnen.

Viele von denjenigen, die die Piratenpartei in der Zeit ihrer Gründung, besonders aber ab 2009 bis zum Mitgliederansturm seit September 2011 geprägt, für sie gekämpft und mit Leben erfüllt haben, misstrauen den Mitgliedern, die 2012 eingetreten sind, zutiefst.
Sie misstrauen ihnen nicht nur, sie vermitteln in vielen Situationen das Gefühl, sie nicht in „Ihrer“ Partei haben zu wollen. Wer z.B. nach seinem Eintritt im Februar/März die Bwmisc abonniert hat, wird feststellen, das „Neuen“-Bashing dort das beliebteste Mittel des Politikersatzes durch Vortäuschen von Aktivität war.

Es wurde nur selten, eigentlich nie gefragt, wie die über die Piratenpartei hereingebrochene Kompetenzwelle, den das stellen so unglaublich viele neue Mitglieder dar, produktiv genutzt werden könnte. Und wenn, dann wurde darauf verwiesen, das die „2009“er das ja auch gelernt hätten. Es wurde also ein Nichts von Argument als Begründung genommen, um Schutzwälle aufzubauen, die verhinderten, dass die „Neuen“ eine erfolgreiche Orientierung in der Piratenpartei ermöglicht wird.

Deutlicher als durch diese Schutzwälle kann man Menschen nur durch das „Geht doch einfach wieder“, das wie eine Leuchtreklame über solchen Reden hängt, ihr Nichterwünschtsein zeigen.

„…du bist nur Gast. hier faßt du nichts an“

Aber auch dies ist wieder nur ein Aspekt unter vielen.

Ein anderer ist die Tatsache, das die Piratenpartei neben Menschen auch aus einer Vielzahl von Tools besteht, die, richtig eingesetzt, dazu beitragen, Diskussionen und Kommunikation offen, transparent und nachvollziehbar zu führen. Sie sind essentiell für die Gestaltung der Prozesse innerhalb der Piratenpartei.

Grotesk ist, das Menschen, die die Tools der Piratenpartei blind beherrschen den „Neuen“ vorwerfen, das sie dies nicht tun.

Da werden „Neue“ bei Stammtischen gefragt „warum hast du kein pad aufgemacht, um die Diskussion vorzubereiten“ und diese Frage stößt auf breite Zustimmung. Wenigen ist klar, das die Frage an sich falsch gestellt wurde. Sie hätte lauten müssen „Hat dir schon jemand erklärt, wie man ein Pad anlegt, um eine Diskussion transparent vorzubereiten?“

Tools sind wichtig, Tools zu beherrschen macht Menschen innerhalb der Piratenpartei, neben dem persönlichen Engagement bei verschiedenen Arbeiten, zu vollwertigen Mitgliedern.

Nur: die Kenntnis der Tools wird als selbstverständlich vorausgesetzt. Dieses Voraussetzten nimmt teilweise paradoxe Züge an. Da werden zum Beispiel neuen Schulungen zu den Tools der Piratenpartei angeboten. Der Ort ist dann Mumble. Die Idee ist richtig, das doing ein fail.

Für alle in der Piratenpartei sollte wichtig sein, die Fragen der „Neuen“, „von was reden die“ und „an wen kann ich mich zwecks Erklärung wenden“ ernst zu nehmen. Diese Fragen müssen adressierbar und beantwortbar sein. Und sei es nur, um den „Neuen“ das learning-by-doing zu ermöglichen.

„…bei einigen leidigen Themen lehnen wir´s Reden ab“

Das nächste ist der Punkt, sich selber in dieser Piratenwelt zu definieren. Damit meine ich das Lernen von Chiffre und Normen zu verstehen und NoGos zu beachten oder nicht zu überschreiten.
Bis zu diesem Punkt kommen die meisten „Neuen“ allerdings gar nicht.

Sie werden im Vorfeld schon abgeschreckt, alleine und so zurückgelassen. Grotesk ist, das diejenigen, die sich als die Piratenpartei definieren auch nicht so traurig darüber zu sein scheinen, denn sonst wäre das, worüber ich hier schreibe, das zentrale Thema bei allen Stammtischen. Ich habe jedoch die Erfahrung gemacht, das jeder Versuch, es in die Diskussion einfließen zu lassen, immer durch Desinteresse abgeblockt wurde.

„…und leider gibt´s nicht viel, das noch nicht gesuckt hat“

Wir sollten anfangen, es als unsere Aufgabe zu betrachten, nachzufragen.

Die Menschen, die Teil der Piratenpartei sind, sollten regelmäßig gefragt werden: „Wie geht`s für dich bei uns voran, bist du angekommen oder was vermisst du?“ Nachfragen nach dem ersten Monat seit Eintritt, nach dem ersten 100 Tagen, nach 1 Jahr, nach 5 Jahren nach 6 Jahren! Fragebogen zu guten und schlechten Seiten/Zeiten sind spannend und wichtig. Die wichtigste Frage muss dabei lauten: „Was ist dein Grund, zu bleiben?“ , die zweitwichtigste Frage ist „Was hindert dich daran mitzumachen [z.B. bei Infoständen]?“

„…dieses Haus ist besetzt…“

Wir haben viele Mitglieder – wir müssen sie allerdings auch zum Mitmachen bewegen. Es zu erreichen bedarf verschiedentlicher Aktionen und Angebote, um diese Mitglieder aus ihren “Wohnungen herauszuholen”. Mann muss es allerdings auch wollen.
Darum sollte jeder sich SELBER vor allem erst mal ernsthaft fragen, ob man sich denn WIRKLICH dafür interessiert, warum die Piratenpartei für ihre Mitglieder als Mitmachtpartei unattraktiver ist als z.B. die „Grünen“ mit bürokratischen Machtapparat und Pseudo-basisdemokratischem Kasperletheater.


Die Zwischenüberschriften stammen aus: Die Fantastischen Vier – „Buenos Dias Messias“
http://www.dailymotion.com/video/x6xjpe_die-fantastischen-vier-buenos-dias_music

Ein besonderer Dank geht an Sabine & Armin, die aus eigenen Antrieb den Text Korrektur gelesen haben.

[1] http://wiki.piratenpartei.de/Mitglieder
[2] Piraten in BW
http://wiki.piratenpartei.de/BW:Vorlage:Piraten_in_BWDie Piratenpartei in Baden-Wüstenberg ist innerhalb von nicht einmal 3 Jahren von 1144 auf 2172 Beitragszahler gewachsen, also um 89%.
[3] Gemessen an der Anzahl der Beitragszahlern, hätten es immer noch ~ 300 Menschen sein müssen.

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4 Kommentare - “Die Illusion von der Mitmachtpartei”

  1. johnny nogo Says:

    Seht das doch mal ein bisschen gelassener. Ich bin Mitglied geworden, weil ich die Grundidee und den frischen Wind der Piraten unterstütze. Ich finde weder alles programmatisch gut, noch habe ich Zeit, mich einzubringen. Aber durch die Mitgliedschaft kann ich die unterstützen, die das Engagement dafür aufbringen können bzw. wollen. Das wird vielen anderen auch so gehen. Solange die Mitglieder das Gefühl haben, sich in der Partei vertreten zu fühlen, sind sie zufrieden und sprechen durch ihre Mitgliedschadft ihr Vertrauen aus.

    Wie mir wird es vermutlich auch anderen gehen. Ich finde es gut, wenn Piraten einen neuen Wind in die politische Kultur bringen, auf Grund des Programms könnte ich mir aber nie vorstellen, aktiv für die Partei zu stehen. Die Partei schreibt inzwischen tonnenweise Programme und Positionen, Initiativen im LQFB schrecken gelinde gesagt ab, da fragt man sich schon bisweilen, ist das alles meine Welt?

    Dennoch ist es wichtig, dass es die Piraten gibt, deshalb hat sie viele Mitglieder, welche die Grundidee unterstützen, viele Programmpunkte aber nicht. Damit wird die Partei noch einige Jahre leben müssen.

    Begreift Euch nicht zu sehr als programmatische Alternative, diese Einheit innerhalb der Partei bekommt ihr nie hin, zu unterschiedlich die Werte aller 30 000 Mitglieder. Begreift Euch weiter als Update des politischen Betriebssystems.

    Setzt weiter dort an, wo ihr stark seid und was Euer Trumpf ist. Die Arbeit in dern vier Länderparlamenten.


  2. […] Die Zeit ist ein langer, ruhiger Fluss, selten verändert sich etwas revolutionär, meistens geschieht dies evolutionär, das Ergebnis ist der fließende Übergang von einem zu einem anderen, entwickelt…  […]

  3. Norbi@Orbi Says:

    Gut beobachtet, ich bin so ein „Neuer“, wenn auch engagierter als viele andere (bin im KV-Vorstand), auch ich sehe bei den Piraten einen „Generationenkonflikt“, der sich schon durch die verbreitete Uniformierung vieler „alter Piratenhasen“ zeigt. So ein schwarz/orangener Block macht Eindruck, man sieht gleich, wer der „echte“ Pirat ist und wer noch nicht so wirklich (Niemals werde ich mich so kleiden!!). Wie immer gilt: Veränderung ist Chance, wir „Neuen“ und die „Alten“ (die ja witzigerweise in der Regel die jungen sind) werden voneinander lernen und dafür sorgen, dass die Piratenpartei sich als Ganzes immer weiter entwickelt. Man darf sich nur nicht entmutigen lassen…Und was die Beteiligung an der politischen Arbeit anbetrifft: Oh ja, das ist ernüchternd, eben dann doch wieder ein Spiegel der Gesamtgesellschaft.Hier wie dort vermutlich der fehlende Glaube etwas verändern zu können und die allseits verbreitete AAL-Logik („andere Arbeiten lassen“). Hilft ja nichts, jeder muss selber aufstehen, egal was die anderen tun.


  4. […] https://kpeterl.wordpress.com/2012/09/23/die-illusion-von-der-mitmachtpartei/ (via Instapaper) Dieser Beitrag wurde unter Lesenswert abgelegt und mit Tumblr verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Twittern ← ARTE: Interaktive Tour durch Goldman Sachs […]


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