Dissen und Diskriminierung

Im Landesverband Baden Württemberg gibt es seit längerer Zeit eine Diskussion über die Bestellung von Antidiskriminierung Beauftragten.

Wie immer, nicht nur an dieser Frage, gibt es in der Piratenpartei verschiedene Diskussionsansätze.

Das ist ok, belebt die Auseinandersetzung und führt dazu, dass Positionen vertieft und eine bestmögliche Lösung erarbeitet werden kann.

Im Normalfall ist das ok. Ärgerlich wird dies jedoch, wenn Vorschläge zur Grundlage der Beratungen gemacht werden, die die gesellschaftliche Realität Negieren.

Old empty bed…springs hard as lead

Da wird, um die in der Piratenpartei fortwirkenden Gesellschaftlichen Machtstrukturen in der Diskussion unangetastet lassen zu können, kurz einmal die Diskriminierung von Menschen, die „männlich, weiß, nicht-behindert, heterosexuell“ erfunden.

Natürlich wird in der Positionsbeschreibung  zur Frage der “Machtposition”, die Inhärenter Teil der Definition von Diskriminierung ist kein Wort verloren – merkt ihr selbst, oder?

Geht man so ans Werk, das man nicht Pseudo Diskriminierungen erfindet, sondern gesellschaftliche Machtverhältnisse in den Diskurs einbezieht stellt man fest, das, Schwupps, die Möglichkeit der „Diskriminierung“ von Menschen, die „männlich, weiß, nicht-behindert, heterosexuell“ sind in das Reich der Phantasie verbannt wird.

Neben dem Ärgerlichen Teil der Diskussion, der letztendlich dazu diente, gesellschaftliche Diskriminierung und ihr Fortwirken in der Piratenpartei zu verschleiern und die Diskussion auf Realitätsferne Nebenkriegsschauplätze zu lenken, gab es aber auch anderes.

Es gibt einen sehr spannenden und interessanten Beitrag auf Wolfsbeeren, dem Blog von @NineBerry.

Er trägt die lapidare Überschrift „Dissen“ und enthält sehr viel Richtiges zum Thema. [1]

Feel like ol’ Ned…wished I was dead

Die Differenz zwischen dem Beitrag von @NineBerry und mir liegt darin, das @NineBerry sich auf den Bereich der Ausgrenzung von Menschen bezieht und ich mich in den Bezugsrahen der gesellschaftlichen Diskriminierung Bewege.

Fakt ist, das Menschen, die „männlich, weiß, nicht-behindert, heterosexuell“ sind, nicht Gesellschaftlich Diskriminiert, aber schon Ausgrenzt werden können.

Diskriminierung beinhaltet, auf der Persönlichen Ebene, Ausgrenzung aufgrund bestimmter Merkmale. Umgekehrt kann mit Ausgrenzung eine gewisse Abwertung bis hin zur Diskriminierung derer, die ausgeschlossen werden, einhergehen.

Ausgrenzung ist ein Prozess des Ausschlusses eines Individuums oder einer Gruppe.
Zur Ausgrenzung gehören auch Vorstellungen von dem, was normal ist, innen und außen, akzeptiert oder nicht akzeptiert. Nebst Merkmalen und Eigenschaften, die zur Ausgrenzung führen, geht es um Zuschreibungen. Wer ausgegrenzt ist, gehört nicht (mehr) dazu, wird stigmatisiert.
Zur Diskriminierung von Menschen kommt es aufgrund gruppenspezifischer Merkmale wie ethnische oder nationale Herkunft, Hautfarbe, Sprache, politische oder religiöse Überzeugungen, sexuelle Orientierung, Geschlecht, Alter oder Behinderung.
Ausgangspunkt jeder Diskriminierung ist die Konstruktion von Differenz. Jeder Form Diskriminierung liegt eine Unterscheidung und Bewertung durch eine Mehrheit zugrunde, was als gesellschaftliche Norm zu gelten hat (deutsch, männlich, weiß, nicht-behindert, heterosexuell etc.). Von Diskriminierung betroffen sind Gruppen, die den dominanten Normen nicht entsprechen. Dabei handelt es sich häufig um zahlenmäßige Minderheiten. Doch die Diskriminierung von Frauen zeigt, dass dies nicht auf eine Minderheit beschränkt sein muss.

What did I do…to be so black and blue

Wenn @NineBerry schreibt  „So kommt in Gruppen aus mehrheitlich Personen mit Migrationshintergrund Ausgrenzung gegen Menschen ohne Migrationshintergrund oder einem abweichenden Migrationshintergrund vor.“ so hat er schlicht Recht.

Er hat auch Recht, wenn er schlussfolgert, das diese Formen von Ausgrenzung Fehlentwicklungen sind, auf die man entsprechend Reagieren und gegen die man Arbeiten muss.

In der Differenz beider Definitionen liegt der gravierende Unterschied. Ausgrenzung kann überwunden werden, da sie auf der Zuschreibung von Merkmalen und Eigenschaften beruht, die plakativ und voller Vorurteile sind. Ausgrenzung, auch wenn sie eine Gruppe betrifft, wird immer auf das Individuum übertragen. Sie wirkt immer individuell, niemals Gesellschaftlich.

Ausgrenzung beruht auf Individuellen Vorurteilen, Zuschreibungen an eine Person, die Konstruktion von Differenz zu dem, was als gesellschaftliche Norm zu gelten hat beruht auf Gesellschaftlich verfestigten Einstellungen.

Man kann es auch anders schreiben: Wenn ein Mensch, der „männlich, weiß, nicht-behindert, heterosexuell“ ist durch „Gruppen aus mehrheitlich Personen mit Migrationshintergrund“ Ausgegrenzt wird, so ist das von der Seite der Ausgrenzer her ein Erbärmliches Verhalten.

Es hat nur keine Gesellschaftlichen Folgen für den Ausgegrenzten. Weder wird ihm durch den Umstand, aus dem er ausgegrenzt wird, das Recht, Kinder zu adoptieren, noch das Recht, eine Ehe zu schließen, genommen.

Auch wenn ein Mensch, der „deutsch, männlich, weiß, nicht-behindert, heterosexuell“ ist, durch „Gruppen aus mehrheitlich Personen mit Migrationshintergrund“ Ausgegrenzt wird, so ist die Wahrscheinlichkeit, das der Grundsatz „Gleicher Lohn für Gleiche Arbeit“ bei ihm aus Gründen des Geschlechts verletzt wird, ehr unwahrscheinlich.

Even the mouse…ran from my house

Der Beispiele für die Unterschiede zwischen Diskriminierung und Ausgrenzung wären hier  noch viele zu nennen. Wichtiger ist aber: um Ausgrenzung ebenso wie Diskriminierung zielgenau zum Teil der Arbeit an ihrer Beseitigung zu machen, müssen wir sie im Diskurs klar trennen. Ebenso müssen wir sie im Leben aber auch klar und eindeutig identifizieren, um sie zielgenau zum Teil unserer Arbeit zu machen.

 

 

Zwischenüberschriften aus Louis Armstrong- „Black and Blue

[1] Dissen

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One Comment - “Dissen und Diskriminierung”


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