Wenn der Otto-Versand Post erhält oder: Offene Briefe und Politik

Seit gestern steht auf der Web-Seite der Piratenpartei Baden Württemberg ein „Offener Brief an den Otto-Versand, 22172 Hamburg“[1]

In diesem offenen Brief geht es darum, dass im Otto-Onlineshop ein Mädchen-T-Shirt mit dem Aufdruck »In Mathe bin ich Deko« angeboten wird, welches es in dieser Form nur für Mädchen erhältlich ist. Dazu stellt der offene Brief richtig fest: „Dieser Aufdruck ist ein klassisches Beispiel für Diskriminierung und Alltagssexismus, wie ihn Frauen täglich erfahren müssen.“

Ich habe diesen offenen Brief unterstützt.

Es folgen viele unterstützenswerte Fakten zu der Tatsache, dass Mädchen in Mathematik genauso begabt wie Jungen sind, außer wenn sie dummgeredet werden. Insgesamt ist der Brief klug formuliert und argumentiert weit ab von eifernden missionarischem Gehabe.

Ich habe diesen offenen Brief unterstützt, weil er die private Meinung von Mitgliedern der Piratenpartei Baden-Württemberg darstellt. Ich finde, wenn Menschen das mit der Mitmachpartei machen, so will ich dem nicht im Wege stehen und einen Streit vom Zaun brechen, was mir an der Position nicht passt. Mitglieder einer Partei sollen und müssen ihre eigene Meinung artikulieren, auch wenn andere Mitglieder dieser Partei eine widerstreitende haben, solange beide vom Grundsatzprogramm und den Werten dieser Partei gedeckt sind.

Wäre dieser Brief allerdings als Meinung der Piratenpartei Baden-Württemberg verbreitet worden, so hätte ich ihn nicht unterstützt.

Otto ist der falsche Adressat

Das Otto-Shirts mit einem sexistisch-blöden Spruch verkauft ist das eine. Das andere ist: es gibt anscheinend einen Markt dafür und der will bedient werden. Der moralisierende Aufschrei darüber ist heuchlerisch.

Eine Diskussion darüber, ob man mit Sexismus Geld verdienen darf ist eine rein moralische. Sie ist nie politisch und würde auch keine politischen Folgen haben. Indem Otto Sexismus nicht mehr als Umsatzquelle ansieht, verschwindet er nicht aus der Gesellschaft. Wenn Otto das Shirt aus dem Sortiment nimmt ist erreicht, dass der Spruch in dem Sortiment nicht mehr erkennbar ist. Sonst nichts.

Der „Datenträger“ verschwindet, aber nicht die Daten. Das aber ist nichts anderes als reine Symbolpolitik. Ich will, das sexistisches Denken aus dieser Gesellschaft verschwindet. Ich will nicht, dass es durch moralische Ächtung unter den Ladentisch verbannt wird, aber weiter existiert.

Aussagen wie „Umso mehr würden wir von einem Versandhaus Ihrer Größe und Ihres Standes erwarten, dass Sie solchen Unsinn nicht unterstützen“[1] sind schlicht irreführend. Ab welcher Größe eines Unternehmens erwarten wir denn, dass Sexismus unterstützt wird? Welchen Ruf hat ein Unternehmen zu haben, das Sexismus als Kleidung verkauft?

Intelligenzallergiker, die diese Shirts für Kinder kaufen

Der richtige Adressat für diesen Brief wären Intelligenzallergiker, die diese Shirts für ihre Kinder kaufen und so ihre sexistische Einstellung den Kindern auf den Leib schneidern.

Es ist das Recht dieser „Eltern“, das zu tun. Es entspricht unserem Wertesystem, klar zu machen, dass es einerseits das Recht der Eltern ist, solche Shirts zu kaufen. Wir müssen auch klar machen, dass es andererseits das Recht der Kinder ist, das Tragen solcher Shirts zu verweigern.

Als drittes, und wichtigstes, müssen wir klären, wie wir als Partei zu dem Denken, das die Shirts ausdrücken, stehen.

Wenn wir Sexismus ablehnen, weil er pauschalisierendes Denken über Menschen fördert und Menschen diskriminiert, müssen wir politisch gegen ihn Stellung nehmen. Die Sprüche sind sexistisch, Sexismus ist politisch zu bekämpfen.

Wir müssen klar machen, dass wir es für politisch fatal halten, wenn Kinder solche Shirts tragen. Ohne moralisches Geifern, Zeigefinger und Verbotsalarmismus. Sachlich und politisch.

Wie gesagt, Respekt vor der Arbeit, die in dem Brief steckt, danke für die klaren Worte zu Sexismus. Der Rest ist Politik und muss politisch betrachtet werden. Darum sind wir in einer Partei.

Ich danke Bastian Haas für das Lektorieren diese Beitrags

[1] Offener Brief an den Otto-Versand, 22172 Hamburg http://piratenpartei-bw.de/2013/03/05/offener-brief-an-den-otto-versand-22172-hamburg/

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2 Kommentare - “Wenn der Otto-Versand Post erhält oder: Offene Briefe und Politik”

  1. tarzun Says:

    Das Problem ist:

    Es steht auf der Webseite der Piratenpartei BW, ist unterzeichnet von Vorständen, Kandidaten und Basispiraten (nebenbei: schön absteigend nach „Wichtigkeit“ sortiert…) und damit *IST* das ein Ding der Piratenpartei und eben *NICHT* mehr „die private Meinung von Mitgliedern der Piratenpartei Baden-Württemberg“.

    Wir müssen lernen, dass wir groß genug geworden sind, dass das eben nicht mehr funktioniert, dass man zwischen „Privat“ und „Partei“ irgendwie unterscheidet, so als ob Kandidaten, Vorstände oder andere Repräsentanten irgendwie zwei völlig getrennte Rollen nach innen und außen spielen können.

    Und am Ende kommt aus der „privaten Meinungsäußerung“ halt sowas raus: http://www.bild.de/lifestyle/mode-beauty/mode/sexismus-vorwurf-print-t-shirts-29390742.bild.html – Und es ist völlig Wumpe daß das von der doofen Bild kommt: Von außen gibt es keinen Unterschied zwischen Pirat und Privat, dieser Verantwortung müssen sich *insbesondere* und Kandidaten bewußt werden.

  2. flups Says:

    Und dass es ein „Mathe-Allergiker“-Shirt für Jungen gibt, haben die sophisticated Piraten nicht mitbekommen, oder?


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