Piratenpartei, Diskussionskultur, Pluralismus und offene Kommunikation

TL;DR: Liebe Piraten, wir haben ein Problem. Unser Problem hat etwas mit Diskussionskultur, Pluralismus und der Möglichkeit offener Kommunikation zu tun. Im Kern betrift es eigentlich die gesamte Piratenpartei, soll hier aber am Beispiel der baden-württembergisch Mailingliste der Piratenpartei (bwmisc) dargestellt werden.

Unsere Debattenkultur

Auf der bwmisc zeigt sich ein Problem. Und nein, dieses Problem ist nicht die Möglichkeit, Menschen auf dieser Mailingliste der Piratenpartei zu verwarnen oder zu sperren,

Dies zum Kernproblem unserer Diskussionskultur zu machen, tauscht Ursache und Wirkung gegeneinander aus. Warum nutzen wir Reglementierungen auf der bwmisc, was sind die Ursachen dafür?

Ich denke, wir tun das, weil in unserer Debattenkultur der Wille zum Ausgleich fehlt. Viele begeben sich ohne das Bewusstsein in eine Auseinandersetzung, dass am Ende der Abwägung verschiedener Positionen und Argumente ein Konsens erreicht werden soll. Sie agieren vielmehr nach dem Highlander-Prinzip: Es kann und darf nur einen geben. Nun ist das Handeln nach diesem Prinzip das Ende jeder offenen, vertrauensvollen Kommunikation. Die Frage ist nur: was tun?

Wir müssen als Fakt anerkennen, dass es im Netz, wie auch in allen anderen Lebenssituationen, Menschen gibt, deren Prinzip lautet: Die eigene Meinung geht über alles und andere haben keine Peilung.

In der Offline-Welt wissen wir: niemand hat ein Anrecht auf Kommunikation. Niemand hat das Recht, mir eine Diskussion oder ein Gespräch aufzuzwingen.

Online ist das anders. Hier erheben Menschen Anspruch auf Kommunikation, auf das Gehört-werden. Die Anwesenheit an einem Ort bedeutet für sie, dass sie sich in alles und jedes einmischen dürfen, und ein Anrecht auf Kommunikation haben. Wenn ihnen Antwort, Gehör oder Kommunikation verweigert wird, auch durch Verwarnungen und Moderation, so kommen sie mit großen Worten. Sie prangern Zensur und die Abwesenheit von Meinungsfreiheit an.

In der Kneipe um die Ecke weiß jeder, dass ein: „Ich habe keinen Bock darauf, mit dir zu reden“ nichts mit Zensur zu tun hat. Und wenn derjenige, mit dem keiner reden will, dann auf die Theke kackt und rausgeschmissen wird, dann ist das halt so. Niemand würde dort deswegen auf den Tisch klettern und das Fehlen von Meinungsfreiheit beklagen.

Auf der bwmisc sehen dies Einzelne anders. Hier wird die Verweigerung von Kommunikation einen Grundrechtsverstoß gleichgestellt.

Konfliktpotentiale

Es ist natürlich, dass dort wo viele verschiedene Meinungen aufeinander prallen, immer ein hohes Konfliktpotential besteht. Zumal wenn es auch um emotionale Involvierung von Personen zu einem Thema geht. Dies haben wir auf Mailinglisten wie der bwmisc.

Je weiter die Meinungen auseinander liegen, desto größer werden dann auch die Spannungen. Dies ist unabhängig vom Ort, das tritt nun einmal bei verschiedenen Persönlichkeiten und Meinungen auf. Die Emotionen kochen hoch, und schnell ist ein Wort gesagt bzw. im Netz geschrieben, das man vielleicht hinterher bereut. Hierbei ist das Problem: Bei linearer Kommunikation in der Offline-Welt lassen sich solche Fehler leichter beheben, da der Sender den Missgriff unmittelbar an der Reaktion des Empfängers ablesen kann. Bei der auf Mailinglisten erfolgenden asynchronen Kommunikation ist das Beheben von Fehlern nicht so leicht möglich. Zum einen erfolgt hier die Reaktion auf einen Fail zeitversetzt, so das der direkte Zusammenhang teilweise nicht mehr ersichtlich ist. Zudem ist ein Fehler, sogar wenn er geheilt wurde, weiter sichtbar und kann von jeder dritten Person aufgegriffen und für Angriffe genutzt werden.

Auf der bwmisc ist an manchen Tagen die Polemik allgegenwärtig. Sachthemen werden personalisiert und die mehr oder minder formvollendete Beleidigung gehört genauso zum vermeintlich guten Ton wie der gelegentliche Schritt über die Grenzen des guten Geschmacks.

Oft wird derart gestänkert, gepöbelt und getrollt, dass sachbezogen Argumente untergehen.

Moderation und Regeln

Viele meinen, dem könne nur mit der Moderation der bwmisc auf Basis von klaren Regeln begegnet werden. Dies erfordert eine Moderation, die vorsichtig agiert und mit einer Engelsgeduld dafür sorgt, dass diese Regeln eingehalten werden. Und das heißt im Zweifel: Benutzer partiell sperren. Wer pöbelt und beleidigt, fliegt raus. Wer Threads für Co-Referate nutzt ohne sich konstruktiv zu beteiligen, fliegt raus. Und es fliegt auch raus, wer eine Debatte torpediert und stört, weil sie sich nicht in seine Richtung bewegt.

Die Frage ist hier: Helfen verschärfte Regeln auf der bwmisc? Braucht es Moderationsteams oder Warnschüsse? Brauchen wir für eine funktionierende Beteiligungskultur eine Art „digitales Hausrecht“?

Schaffen einer funktionierenden Beteiligungskultur

Ich habe starke Zweifel und bin mir unsicher.

Denn auch wenn alle diese Fragen mit „ja“ beantwortet werden, ist das oben beschriebene Grundproblem noch nicht mal in Ansätzen gelöst. Ich denke, es braucht in erster Linie einen langen Atem. Ein Dialog braucht Zeit. Gerade dann, wenn er nicht in einem debattenerfahrenen Umfeld stattfindet. Und die Grundannahme jedes Dialoges muss sein, dass alle potentiell Teilnehmenden unerfahren sind. Hierauf müssen die debattenerfahrenen Menschen Rücksicht nehmen. Natürlich am besten freiwillig und ohne Zwang. Unter Zurücknahme des eigenen Selbst, um schwächeren, schüchternen, gehemmten Menschen die Teilnahme an der Diskussion ohne Scheu zu ermöglichen.

Hier stellt sich nur die Frage: Wie gehen wir mit denjenigen um, die nicht bereit sind, sich zivilisiert zu verhalten, und die das Recht des Stärkeren hemmungslos ausleben?

Unsere Frage muss sein: Wollen wir auf der bwmisc mitlesende Menschen haben, die sich nicht zu beteiligen trauen, darum den Mund halten und nur andere diskutieren lassen? Natürlich nicht. Deshalb wünsche ich mir bei den Diskussionen um Regeln, Warnschüsse, Fairness und Zivilcourage ein wenig mehr Weitsicht. Dass ein respektvoller Umgang auch bei der digitalen Kommunikation eine Notwendigkeit ist, das dürfte lediglich eine Minderheit auf der bwmisc abstreiten. Was es neben einem Knigge auch braucht, ist eine gemeinsame Vorstellung davon, wie man sich auf der bwmisc differenziert einbringt oder dort konstruktiv-kritisch Stellung bezieht. Meinungsvielfalt braucht Reibung und kritische Teilnahme, keine Lobhudelei und Schönfärberei, doch erst recht keine Pöbelei und Hetze.

Pluralismus und offene Kommunikation

Pluralismus braucht aber auch keine selbstverliebten Trolle, die bei jedem Thema einzig nur über sich und ihre Vorstellung von der Welt schreiben wollen.

Natürlich wird die Idee, dass Pluralismus offene Kommunikation braucht, immer wieder von Menschen missbraucht werden, die mit ihren destruktiven Beiträgen unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit die offene Kommunikation zerstören.

In diesem Spannungsfeld müssen wir uns bewegen und mit oder ohne Regeln aufzeigen, wie wir kommunizieren wollen.

Der Vorstand der Piratenpartei Baden-Württemberg hat sich vor Jahren mit der Einführung von Regeln für die bwmisc auf eine Formalisierung des Prozesses eingelassen. Der jetzige Vorstand hat diesen Prozess geändert und nachjustiert.

Der erste Schritt hat nicht zur Beseitigung der Probleme mit Trollen und kommunikationsunwilligen Menschen geführt. Ob es der zweite Schritt tut, ist zur Zeit fraglich.

Entscheidend für den Erfolg einer jeden Maßnahme ist, wie breit die Zustimmung der Menschen in der Piratenpartei BW hierbei ist. Vorstandsbeschlüsse ersetzen keine Unterstützung und Zustimmung.

Auch wenn wir die Regeln in Gänze oder in Teilen beseitigen, ob wir die Liste teilen oder anderes tun, Fakt ist, das es eine breite Unterstützung dafür geben muss. Und genau diese ist zur Zeit nicht sichtbar. Eine andere Diskussionskultur erfordert nicht nur die Ab- oder Anwesenheit von Regeln. Sie erfordert auch den Willen zur barrierefreien Kommunikation und die Definition von dem, was wir uns darunter vorstellen.

Herzlichen dank an @Laser_Ulm @stoffeldear @ulan_ka @JoKnopp für Korrektur, Kritik, Anregungen und Lektorat des Posts und eure unendliche Geduld mit mir. Ihr seid toll gewesen:)

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5 Kommentare - “Piratenpartei, Diskussionskultur, Pluralismus und offene Kommunikation”

  1. elzoidohn Says:

    Eins sollte halt auch „lauter Gegenwind“ nicht unbedingt mit „breiter Ablehnung“ verwechseln. Klar, ein paar Schreihälse gibt es immer, die bei jeder gefühlten Einschränkung ihrer „Meinungsfreiheit“ gleich ZENSUR brüllen (dazu hat Incredibul schon in http://news.piratenpartei.de/showthread.php?tid=340346&pid=1751164#pid1751164 alles gesagt, was zu sagen ist).

    Ob das allerdings die Mehrheit darstellt, wage ich dann doch zu bezweifeln.

    Wenn ich LaVo wäre, würde ich es so machen: Modifiziert die derzeitige Lösung erstmal zeitnah so, dass das Vier-Augen-Prinzip gewahrt ist, sammelt parallel dazu konstruktive und konkrete Vorschläge für das mittelfristige Vorgehen, macht ne entsprechende LimeSurvey-Umfrage und schaut, wo die Mehrheiten liegen. Aber ich bin ja nur einfaches Basismitglied und kann viel sagen, fordern und vorschlagen, wenn der Tag lang ist 😉

  2. alexplus Says:

    Oh, eine Diskussion über Kommunikation im Internet. Wie erfrischend.

  3. Rabi Says:

    Es gibt 2 Typen von Störern; Die einen tuns bewusst die anderen unbewusst. Bei ersteren ist der Fall klar, man kann aber kaum beweisen, dass der Betroffene wirklich zu dieser Gruppe gehört.
    Zweitere müssen nur diskret darauf hingewiesen werden, was genau an ihren Beiträgen stört. Oft ist ja einfach nur ein kleines Kommunikationsproblem. zB verschiedene Auffassung wie bestimmte Wörter zu „gewichten“ sind, basierend auf zB. verschiedenen Wortschätzen oder schlichtweg anders gelernten Umgangsformen. Wenn ich das im RL betrachte gibt es auch Leute die sich unter sich gegenseitig zum Spass beleidigen, während andere das unmöglich finden… Ich denke aber die Meisten werden es einsehen oder sogar froh darüber sein, auf Fehler hingewiesen zu werden. Darauf, dass sie sich womöglich unbeliebt machen bei Leuten die sich eigentlich mögen.
    Wir müssen uns auf eine gemeinsame Basis einigen. Darauf was erlaubt ist und was nicht und es muss immer agewogen werden. Das müssen zweifelsohne real existierende Leute machen. Hier finde ich ein flexibles System um einges sinnvoller als starre Regeln, etwas „einfaches“ das jeder zu 100% durchschaut – Starre Regeln, um vermeintlichte Gerechtigkeit zu schaffen. Aber das ist auch nicht gerecht, weil sowohl diejenigen die die Regeln anwenden _Menschen_ sind, sowie diejenigen die dagegen verstoßen. Es gibt keine unbedingte Gerechtigkeit. Sowas könnten nur Maschinen machen, aber wie das ausgeht wissen wir ja.
    Ich finde die Kritikfähigkeit der Betroffenen ist auf jedenfall ein großer Teil des Abwägungsprozesses. Wenn sich jemand keiner Schuld bewusst ist, dass seine Ausführungen falsch verstanden werden könnten und somit Unfrieden gestiftet hat, -einfach nervt- so finde ich muss eben „nachgeholfen“ werden und verdeutlich werden, wer bestimmt was erlaubt ist und was nicht. Dass manches nicht geht(zB auch subtiles, suggestives, das man nicht wirklich greifen kann) weil dann eine Sperre kommt gegen die man nichts tun kann. Ausser sich anzupassen und die Regeln der Schiedsrichter einzuhalten. Gefällt mir auch nicht, aber besser wie, wie du ja auch schreibst, die einzelne Person alles auf den Kopf stellt und ihr Spiel so lange weiter treibt, bis sie endlich alles so hingebogen hat, dass sie „Recht“ hat. Darum geht es ja leider oft. Nicht darum, ob es „sinnvoll“ war. Der Mehrwert der Diskussion besteht dann nur noch darum _wer_ sich durchsetzt und nicht _was_. Köpfe statt Themen. Genau so wie ich auch immer mehr den Eindruck habe, dass das die Tendenz bei den Piraten ist, dass es da hingeht. Darum dass sich einzelne eine so breite Unterstützung von Leuten holen die das toll finden wenn einer den anderen fertig macht, weil sie dann ja schon diejenigen sind, die nciht fertig gemacht werden. Dann tun sie sich zusammen und werden zu einem politischen Sprachrohr, eine Clique oder Elite, die eigentlich eine Minderheit ist, sich aber selbst zur Mehrheit hochgeflamed und betrogen hat indem sie den Rest unter Druck setzt. Und jeder der sich nicht unter Druck setzen lässt ist ein Aussenseiter und wird ausgeschlossen. „Entweder dafür oder dagegen…“ Nein, dafür bin ich nicht bei den Piraten. Ich verachte dieses Verhalten. Das ist Politik 1.0.

    Wir haben euch in den Vorstand gewählt, weil ihr die Mehrheit vertretet, bzw ihr tut das weil ihr im Vorstand seid. Ihr seid auf der sicheren Seite und habt es überhaupt nicht nötig, euer Rohr zu verlängern. Deshalb finde ich es auch ok, dass ihr diejenigen seit die die Abwägungen treffen. Wenn es jemand tun muss oder darf, zu entscheiden was „Sachbezogenheit“ darstellt, dann ihr. Ihr werdet ja daran gemessen ob es ok war oder nicht was ihr gemacht habt: Bei der nächsten Wahl. Bitte ernennt aber niemanden um die Liste zu moderieren, diese Person hätte nicht die ausreichende Legitimation, weil sie eben nicht unbedingt die Mehrheit vertritt. Evtl könnte man ja stattdessen auf dem nächsten LPT BW-Misc-Moderatoren wählen.
    lg Rabi

  4. ErikBausB Says:

    tl;dr Mehr Sorgfalt in der Kommunikation wagen.

    Diskussion ist Kommunikation ist mehr als nur ein kultureller Akt. Es gibt Sender mit einer Botschaft und Empfänger dieser. Es gibt also zwei Fehlerquellen in der Kommunikation. Der Sender, der seine Botschaft nicht passend verpacken kann und einen Empfänger, der die Nachricht nicht im Sinne des Senders passend entschlüsseln kann (oder will). Semantik und Eloquenz sind nicht jedem gegeben. Besonders delikat wird es bei der Verwendung von Ironie, Sarkasmus und Zynismus, da es bei dem Empfänger besonders viel Interpretationsspielraum bietet. Da ein Medium wie eine Mailingliste nur einen Sender aber viele Empfänger kennt, wird es immer einen Menschen geben, der nicht unbedingt das Empfängt, was gesendet wird. Jeder Mensch sollte sich dessen bewußt sein und als Sender überprüfen wieviel Interpretationsspielraum sein Post bietet und als Empfänger prüfen ob es noch mehr als nur den ersten Gedanken zu einem Satz gibt und im Notfall einfach nachfragen.


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