„Erst das Essen, dann die Miete“

tl;dr Ausgehend von den Auseinandersetzungen um steigende Mieten und Zwangsräumungen ist es sinnvoll einen Blick in die Vergangenheit zu werfen.

 

Motivation für das Ganze

In Anbetracht der derzeitigen Auseinandersetzungen über Immobilienspekulation, Gentrifizierung, damit verbunden um steigende Mieten und Zwangsräumungen ist es sinnvoll einmal einen Blick in die Vergangenheit zu werfen.  Denn die Geschichte der Weimarer Republik ist voll von ähnlichen Auseinandersetzungen. Soziale Kämpfe der Vergangenheit können oft Aufschluss über vermeidbare Fehler in der Gegenwart geben. Darum dieser Historische Rückblick. Der nachfolgende Beitrag wurde aus historischen Quellen recherchiert von Uwe Rada, aus: Uwe Rada, Mietenreport – Alltag, Skandale und Widerstand.

Der Berliner Mietstreik 1932/33

„Jeden Tag schließen sich neue Häuser dem Kampf gegen die hohen Mieten an. In den Amtsgerichten herrscht Hochbetrieb. Eine Räumungsklage jagt die andere. Aber dieser Hochbetrieb wird bei weitem von dem übertroffen, der auf der Straße herrscht, wenn ein erwerbsloser Prolet exmittiert werden soll. In der zweiten Septemberhälfte wurden in Berlin nicht weniger als 300 Exmittierungen infolge des Protests der werktätigen Bewohner zurückgenommen. Allein im Südosten konnten aus diesem Grunde 180 Exmittierungen nicht durchgeführt werden.“

Dieser Artikel aus der „Roten Fahne“ erschien am 16. Oktober 1932. Damals war der Streik der Berliner Mieterinnen und Mieter bereits zwei Monate alt, und trotzdem, oder gerade deshalb, schlossen sich ihm immer mehr Menschen an. Auf dem Höhepunkt des Streiks, Anfang 1933, dürften es nach vorsichtigen Schätzungen über 3 000 Häuser gewesen sein, die sich auf diese Weise gegen die Profiteure der Wohnungsnot, Hausbesitzer und Spekulanten, wehrten.

Angefangen hatte der Mietstreik dort, wo 1872 bereits eine der ersten Hausbesetzungen stattgefunden hatte, in der Swinemünder Straße in Berlin-Mitte, genauer gesagt auf dem kurzen Stück zwischen dem Zionskirch- und dem Arkonaplatz. Am 27.7.1932 beschloß dort eine Versammlung von 180 Mietparteien der insgesamt 14 Mietshäuser, ab dem l. August in den Mietstreik zu treten. Die von den Mietern immer wieder vorgebrachten Forderungen nach Senkung der Miete um 30 Prozent sowie dem Erlaß der bestehenden Mietschulden, wurden vom gemeinsamen Vermieter, der Mädlerschen Grundstücksverwertungs AG, ignoriert. Während einer Verhandlung mit den Streikenden, knapp zwei Wochen nach Streikbeginn, hatte der Verwalter den Hinweis der Streikleitung, daß 68% der Mieter erwerbslos seien, mit der lakonischen Bemerkung quittiert, daß dann wohl 30% Kürzung völlig überzogen seien. Die Antwort der Streikleitung: „Wir können Ihnen noch nich mal sagen, ob och die restlichen 70 Prozent bezahlt wer’n könn.“ („Rote Fahne“, 13.8.1932)

Der Streik weitet sich aus

Kurz nach der Swinemünder traten in einer weiteren Straße, diesmal im Bezirk Prenzlauer Berg, die Mieter in den Streik. Für die Staatsgewalt Anlaß genug einzugreifen: Am 18. August wurde in einer regelrechten Kommandoaktion die gesamte Hausversammlung der Lychener Straße 18 verhaftet, am darauf folgenden Tag gar eine Konferenz der Mieterräte in der Liebenwalder Straße 41. Der Schuß ging allerdings nach hinten los. Bereits zwei Tage nach den Polizeiaktionen befand sich ein Gebäude im Mietstreik, das bald zum Symbol für die ganze Bewegung werden sollte: das ehemalige und später vermietete Stadtgefängnis am Molkenmarkt, im Volksmund die „Wanzenburg“ genannt.

„Ein Gang durch die ehemalige Stadtvogtei wirkt gespenstisch. Noch immer reiht sich Zelle an Zelle mit dem Lichtschacht und der Fensterluke. Noch immer sind die eisernen Querbänder vor den Zellentüren, ja nicht einmal die Zellennummern hat man abgemacht, so daß auch fortlaufend zu lesen steht: Zelle 12, soundsoviel Mann. In dieser Zelle 12 hat einst Fritz Reuter gesessen und heute wohnt dort in den allerärmsten Verhältnissen eine junge Familie. Die Zelle ist knapp zwei Meter breit und 4 1/2 Meter lang. Dafür müssen 21.50 DM Miete monatlich aufgebracht werden (das waren ca. 30% des Einkommens, d. V.). Auf dem Gang steht in der Krippe ein nacktes, vielleicht einige Monate altes Kind. Die Frau kann das Kind nicht in die Wohnung nehmen, da es dort von Wanzen aufgefressen würde.“ („Vorwärts“, 20.8.1932)

110 Familien der „Wanzenburg“ haben sich im August 1932 zusammengetan und einen Mieterausschuß gewählt, der die Forderungen der streikenden Mieter gegenüber dem Pächter vertreten sollte: 50 Prozent Mietsenkung, Übernahme der Gebäude durch das Land Preußen und umfassende Instandsetzungsmaßnahmen. Die Reaktion des Pächters ließ nicht lange auf sich warten. Er hatte einige Räumungstitel vor Gericht erwirkt, und am Vormittag des 14. September 1932 erschien der Gerichtsvollzieher, um die Exmittierungen zu vollziehen:

„Es sammelten sich daraufhin auf dem Hofe zahlreiche Personen an, die gegen den Beamten eine drohende Haltung einnahmen. Das Überfallkommando erschien, brauchte aber nicht einzugreifen, da sich die Menge auf die Nachricht von der Nichtvollstreckung der Exmission zerstreute. “ („Vossische Zeitung“, 14.9.1932)

Nach dieser von den Bewohnern des Alt-Berliner Kiezes verhinderten Räumung versuchte der Pächter die Streikenden mit anderen Mitteln einzuschüchtern. So erhielt ein Mieter, der aus seinem Fenster eine rote Fahne hängen hatte, ein Schreiben des gegnerischen Rechtsanwalts, in dem dieser ihm mitteilte, daß ihm nicht das Recht zustünde, die Außenwände des Hauses „zu anderen Zwecken zu benutzen, als sie das Bewohnen mit sich bringen“. Die offensichtliche Hilflosigkeit dieser Schikane läßt den Erfolg der Mieter bereits ahnen. Und in der Tat: Am 26. September, also nach nur einem Monat Streik, wurde die Miete um 40-42 Prozent herabgesetzt, und alte Mietrückstände wurden gestrichen. „Ferner wird der Pächter, um die Gebäude wieder in einen einigermaßen bewohnbaren Zustand zu bringen, eine bestimmte Summe zur Verfügung stellen, mit der der Mieterausschuß die Renovierung der Räume durchführen wird.“ („Berliner Morgenpost“, 27.9.1932)

Die „Wanzenburg“

Das Zugeständnis des Pächters war sicher nicht ohne entsprechenden Druck städtischer Stellen erfolgt. Auch die im Berliner Stadtparlament einflußreiche SPD hatte sich im Falle der Wanzenburg auf die Seite der Mieter gestellt, ohne dabei freilich die Gesamtheit der Bewegung zu unterstützen. Doch das Kalkül, einer größer werdenden Bewegung durch die Konzentration auf offensichtliche Skandale die Spitze zu brechen, ist nicht aufgegangen. Ende September, während einer Mieterkonferenz in Kliems Festsälen in der Hasenheide, waren es bereits l 000 Delegierte, die über den weiteren Streikverlauf diskutierten. Die Anzahl der Delegierten, die nach eigenen Angaben 35 000 Mieter und Mieterinnen vertraten, läßt auch einen ersten Schluß auf die Streikbeteiligung zu.

Der Erfolg, den die Bewohner der „Wanzenburg“ mit ihrem Mietstreik erzielt hatten, machte Mut. Das Bild vom übermächtigen Hausbesitzer bröckelte, die Angst, durch Räumungen auf die Straße gesetzt zu werden, war angesichts der Mobilisierung unter der Mieterschaft zu einem kalkulierbaren Risiko geworden. So dauerte es nicht lange, bis die Bewegung ihr zweites Symbol bekam, diesmal im Berliner Südosten, genauer in der Köpenicker Straße 34/35.

„Der Mieterausschuß sitzt von morgens bis abends an einem Tisch mitten auf dem Hof. Ein Glas voller Schwaben (so hießen damals in Berlin nicht die Süddeutschen, sondern die Küchenschaben, d.V.), Käfer, Wanzen, die in den Wohnungen gesammelt wurden und ein großes Buch vor sich. Alle Augenblicke wird eine Führung mit den sich ständig einfindenden Arbeitern veranstaltet, die sich alle zum Protest in das Buch eintragen. Von den 63 Mietparteien, die in diesen 100 Jahre alten, total baufälligen Häusern wohnen, stehen 58 im Streik. Sechs Mieter haben noch Arbeit, alle übrigen sind erwerbslos. Die meisten sind vier bis fünf Monate mit ihrer Miete rückständig.“ („ Rote Fahne „, 1.10.1932)

Auch hier ähnliche Forderungen wie in der „Wanzenburg“: „1. Herabsetzung der Mieten um 50 Prozent. 2. Niederschlagung der rückständigen Miete. 3. Renovierung des gesamten Häuserblocks und ausreichende Toiletten.“

In der Berichterstattung über die Köpenicker Straße wird vor allem die Rolle der Frauen in der Mietstreikbewegung deutlich:

„ Die gesamten werktätigen Mieter Berlins (die arbeitslosen wohl genauso, sollte man da hinzufügen, d. V.) verfolgen mit größter Aufmerksamkeit den Kampf in der Köpenicker Str. 34/35. Gesternvormittag erschien eine Delegation von etwa 30 proletarischen Mietern, hauptsächlich Frauen, in dem bestreikten Haus, um sich über die Methoden des Mieterkampfes zu informieren. Die Delegierten, die auch in ihren Mietskasernen den Kampf aufnehmen wollen, waren von einer Wohngebietsversammlung der Arndt-, Bergmann-, Belle-Alliance (heute Mehringdamm) und Willibald-Alexis-Str. geschickt.“ („Rote Fahne“, 21.10.1932)

Man kann sich vorstellen, wie oft der Zusatz „proletarische Mieter, hauptsächlich Frauen“ unterschlagen oder einfach, weil es den Schreibern nicht wichtig erschien, weggelassen wurde. Dabei ist davon auszugehen, daß die überwiegend als Delegierte geschickten Frauen nicht deshalb anwesend waren, weil ihre Männer Arbeit hatten. Warum soll es im Chamissokiez damals anders gewesen sein als im übrigen Berlin. Ein Zeitzeuge, Gerald Vandenberg, bestätigte diese Vermutung. Die Mietstreikbewegung war, so Vandenberg auf einer Veranstaltung Ende 1989 in Neukölln, eine an der Basis vorwiegend von Frauen getragene Bewegung-

Wie schon in der „Wanzenburg“ so zeichnete sich auch beim Streik in der Köpenicker Straße ein Erfolg für die kämpfenden Mieter und Mieterinnen ab. Die rückständigen Mieten wurden gestrichen, die Renovierung des Gebäudes in Angriff genommen und die Exmissionsklagen aufgehoben. Allein in der Frage der Mietsenkungen war man sich nicht einig. Die Stadt Berlin, der das Haus gehörte, schlug zehn Prozent vor, die Mieter und Mieterinnen bestanden auf fünfzig Prozent, der Streik ging vorerst weiter.

Die SPD versucht größeren Einfluß auf Streikverlauf und Streikziele zu gewinnen

Seit dem Herbst 1932 versuchte die Berliner SPD größeren Einfluß auf Streikverlauf und Streikziele zu gewinnen. Angesichts der Eigendynamik, die die Bewegung gewonnen hatte, konnte man sich nicht länger abwartend verhalten. Hinzu kam, daß sich ein Großteil der Mieter in den Neubaublocks, eine traditionell sozialdemokratische Wählerklientel, dem Streik angeschlossen hatte. Die meisten von ihnen waren Mitte der zwanziger Jahre in die Neubaublöcke gezogen, in einer Zeit also, in der sich die Weimarer Konjunktur für einige Jahre stabilisiert hatte. Mit dem Beginn der Weltwirtschaftskrise aber und der damit verbundenen Rationalisierungswelle, der Massenarbeitslosigkeit und dem Abbau der Sozialieistungen wurde auch in Reinickendorf oder Pankow die Miete oft unbezahlbar. Erschwerend kam hinzu, daß die Neubaumieter im Gegensatz zu denen im Altbau nahezu rechtlos gegenüber ihren Vermietern, den städtischen Wohnungsbaugesellschaften, waren. Laut Gesetz war es ihnen nicht einmal gestattet, eine Mietervertretung zu wählen.

Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, daß auch in den SPD-Hochburgen der Wille zum Kampf größer war als die Angst, völlig ins soziale Abseits zu geraten. Nach und nach schlossen sich Tausende von Mietern und Mieterinnen der „Weißen Stadt“, der Roland-Siedlung, der Borsig-Siedlung und der Friedrich-Ebert-Siedlung dem Streik an. Damit wurden nun Hauseigentümer der verschiedensten couleur bestreikt: der private, wie in der „Wanzenburg“, die Stadt, wie in der Köpenicker, die Grundstücks-AG, wie in der Swinemünder und nun auch die städtischen Gesellschaften, die Gagfah, DEWAG und wie sie alle hießen. (Übrigens, die „Gesellschaft für Sozialen Wohnungsbau“ – GSW -, die seit dem l. Juli 1990 die Geschäftsführung der KWV-Friedrichshain übernommen hat, war bereits damals im städtischen Wohnungsbau aktiv. So ist es auch kein Zufall, daß die GSW nach Inkrafttreten des Einigungsvertrags auf eigene Siedlungen, z.B. auf eine Reformsiedlung in Pankow, Eigentumsansprüche angemeldet hat. Ob in dieser Siedlung gestreikt wurde, geht aus den damaligen Meldungen freilich nicht hervor.)

Die Aktivitäten in den Neubaugebieten blieben auch auf die Mieter und Mieterinnen der Altbauviertel nicht ohne Signalwirkung. Im Wedding trat ein ganzer Straßenzug in den Streik: die Kösliner Straße, berühmt geworden durch die Barrikaden, die dort am Blutmai 1929 gegen die scharf schießende Polizei errichtet wurden. In der Kösliner Straße schwelte der Unmut bereits seit 1927. Reparaturen waren vom Vermieter eingestellt worden, die Häuser dem Verfall preisgegeben. Der Selbsthilfegedanke fand, ähnlich wie zu Beginn der zwanziger Jahre, neuen Zündstoff. Nicht selten wurden die allernötigsten Reparaturen auf eigene Faust durchgeführt und dem Vermieter in Rechnung gestellt.

„Man kann mit einer Wohnung einen Menschen genauso erschlagen wie mit einer Axt.“

So auch in einer anderen Ecke des Berliner Nordens, in „Meyer’s Hof“: Selbiger befand sich im Weddinger Teil der Ackerstraße, Nummer 132/133, und ist in den siebziger Jahren, ähnlich wie die Kösliner Straße, dem Abrißbagger der Kahlschlagsanierer zum Opfer gefallen. „Meyer’s Hof“ war damals neben der „Richardsburg“ in Neukölln die größte Berliner Mietskaserne. Über 2 000 Menschen lebten um die sechs Höfe. Im Dezember 1932 traten auch hier die Mieter in den Streik, der nunmehr sein drittes Symbol bekommen hatte. Fast täglich gab es Meldungen und Reportagen über den Stand des Kampfes, die bekannteste von ihnen erschien in der „Arbeiter-Illustrierten-Zeitung“ (AIZ) unter dem Motto eines Zille-Zitats: „Man kann mit einer Wohnung einen Menschen genauso erschlagen wie mit einer Axt.“ Für die Presse schien „Meyer’s Hof“ geradezu das Sinnbild des Zille’schen „Milljöhs“ zu sein.

Am 17. Januar 1933, also knapp zwei Wochen vor der Machtübergabe an Hitler, veröffentlichte die „Rote Fahne“ eine Erklärung der „Kampfleitung der streikenden Mieter“:

„In einer Mieterversammlung wurde zur Streiklage Stellung genommen. Die bisherigen Verhandlungen mit dem Hauspascha Tumarkin (dem Besitzer des Gebäudes, d. V.) sind ergebnislos verlaufen. Die Mieter verharren im Streik und verschärfen ihn. Daran werden auch die Schikanen des Hauspaschas, der gedroht hat, nur noch gerichtliche Verhandlungen zu führen, nichts ändern. (…) Eine Delegation der streikenden Häuser Wiesenstraße 60 und Gipsstraße 11 überbrachten den streikenden Meyer-Hof-Mietem Solidaritätsgrüße. Der christliche Verein, Apostelamt Johannis‘ hat sich unserem Streik angeschlossen. Die Räume liegen auch auf dem Hof. Da staunt ihr.

Mit Kampfesgruß. Die Kommission von Meyer’s Hof“

Ab Januar wurden allerdings die Meldungen über den Mietstreik spärlicher, andere Probleme drängten in den Vordergrund. Gegen Ende des Monats jedoch wurde in der Presse noch einmal zur „4. Groß-Ber-liner Delegiertenkonferenz“ mobilisiert. Dort sollte über das weitere Vorgehen im Streik beraten werden. Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Bericht der „Roten Fahne“, der vor allem in die innere Struktur der Streikbewegung Einblick gibt:

„Dieser Kongreß hat Aufgaben zu lösen, die von entscheidender Bedeutungfür die werktätigen Mieter sind. Unter Führung des zentralen Mieterausschusses Groß-Berlin ist eine Mieterausschußbewegung in Berlin entstanden, die heute Tausende gewählter Mietervertreter umfaßt. In unzähligen Mieterkämpfen haben die Mieter gemeinsam, der KPD-Arbeiter neben dem Arbeiter der SPD und der NSDAP und diese alle gemeinsam mit parteilosen Arbeitern, Angestellten, Beamten und Kleingewerbetreibenden, den Kampf um die ‚Wohnung in der Einheitsfront behauptet. Zum Teil mußte der Kampf geführt werden gegen die seit Jahren bestehenden Mietervereine und -Organisationen, die den Mietern wohl die hohen Beiträge abnehmen, sonst aber nichts tun, um den täglichen Kampf der Mieter zu unterstützen. Unser Appell an die Mietervereine und -Organisationen, sich einzureihen in die Groß-Berliner Mieterausschußbewegung ist gescheitert an der Engstirnigkeit der Verwaltungsbürokratie dieser Vereine und Organisationen, denen ihre eigene Anstellung im Verein mehr wert ist, als die Unterstützung der Mieter in ihrem berechtigten Kampfe.“ („Rote Fahne“, 22.1.1933)

Der Kongreß-Aufruf schließt mit dem Satz: „Der 4. Groß-Berliner Mieterdelegiertenkongreß ist der Kongreß aller Berliner Mieter. Jedes Berliner Haus muß vertreten sein.“

Im Zentralen Mieterausschuß, der Streikleitung, die von Vertretern der SPD und KPD, aber auch Parteilosen geführt wurde, waren zu Beginn des Jahres 1933 etwa 3 300 Mieterräte vertreten, was auf eine ebenso große Anzahl der am Streik beteiligten Häuser schließen läßt. Dies würde auch zu einer Meldung passen, die am 30.10.1932, ebenfalls in der „Roten Fahne“ erschien. Dort hieß es hinsichtlich der Streikbeteiligung: „Allein um den Stettiner Bahnhof (dem heutigen Nordbahnhof) herum stehen 312 Häuser mit 14615 Mietern im Streik.“

Von der SPD zur NSDAP und nach 1945 im Vorstand des Berliner Mietervereins

Mit welchem Ergebnis der Mietstreik schließlich ausgegangen ist, wie die neuen faschistischen Machthaber mit den Streikenden umgegangen sind, ob sie den Streik gar für die eigenen Ziele funktionalisiert haben (in Spanien war es das Franco-Regime, das in Madrid die Mieten eingefroren hatte), ist den Meldungen der zeitgenössischen Presse nicht mehr zu entnehmen. Bekannt ist allerdings, daß viele KPD-Mitglieder und damit auch zahlreiche Streikaktivisten nach Hitlers Machtübernahme ihre Energie in den letzten Versuch eines Generalstreiks gesteckt haben. Umsonst. Arbeiter- wie Mieterbewegung waren gescheitert. Die Nazis steckten Tausende von Oppositionellen in ihre Folterkeller. Die „soziale Frage“, nunmehr eine Frage des Interessenausgleichs innerhalb der nationalen „Volksgemeinschaft“, oblag fortan dem korporatistischen Einheitssystem von Unternehmen, Staat und Gewerkschaften. Auch für manch einen Mieterfunktionär, das ist dem oben zitierten Bericht zu entnehmen, schien die NSDAP nicht das größte Übel zu sein. Deren Wohnungspolitik knüpfte, das mag einer der Gründe für diese Affinität sein, an die „Zwangswirtschaft“ der zwanziger Jahre an. So schloß sich zum Beispiel der SPD-nahe Dachverband „Bund deutscher Mietervereine“, der seinen Sitz in Dresden hatte, den Nazis an. Der damalige Vorsitzende des Verbandes, Hermann, war bis in die sechziger Jahre im Vorstand des Berliner Mietervereins und des Deutschen Mieterbundes in Köln.

Editorische Hinweise

Der Text ist entnommen aus: Uwe Rada, Mietenreport – Alltag, Skandale und Widerstand, Berlin 1991, S. 175-183. Dieses sehr informative Buch ist leider nur noch antiquarisch erhältlich.

 

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One Comment - “„Erst das Essen, dann die Miete“”

  1. spreemieze Says:

    Hat dies auf Spreemieze rebloggt und kommentierte:
    Wir sollten uns ein Beispiel an unseren Großmüttern und -väter der Arbeiterbewegung nehmen!


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