Menschenverachtende Sprache in der Piratenpartei

tl;dr Oft folgen Diskussionen in der Piratenpartei dem Prinzip der Selbstaufwertung durch Abwertung anderer mit Diffamierenden Begriffen.

Viele Diskussionen in der Piratenpartei folgen dem Prinzip der Selbstaufwertung durch Abwertung anderer. “Wir” ist stets positiv belegt. Die Wörter zur Beschreibung der “Anderen” rufen beim Rezipienten negative Assoziationen hervor

hervor. Begriffe wie “Ministalinisten”, “Pirantifanten”, “Gutmenschen”,“Bildchensammler“, die Etikettierung als “sozial erfolglose Underdogs”[1] sind nur einige Beispiele dafür.

Sprache wird in der Piratenpartei oft zur Waffe. Einzelne versuchen andere durch die Benutzung von diffamierenden Begriffen zu vernichten.

Lingua Tertii Imperii

1947 veröffentlichte Victor Klemperer das Buch „LTI – Notizbuch eines Philologen“.[2]In diesem Buch analysiert er die „Lingua Tertii Imperii“, die Sprache des Dritten Reichs.Dieses Buch ist aus verschiedenen Gründen nicht nur ein fulminantes Stück Zeitzeugenliteratur, sondern es ist auch essentiell für die Entwicklung der Sprachanalyse. In der LTI  untersucht Klemperer anhand der Analyse der Alltagssprache den Zusammenhang zwischen Sprache und Denken.   

Sprache dient dem Menschen nicht nur zur Deutung und Beschreibung der Welt („Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“ ,Ludwig Wittgenstein), sie dient ihm auch als Werkzeug der Verständigung und als Mittel der Gestaltung und Veränderung der Welt.   

Noch immer werden Wörter benutzt, die, in ihrer verbreiteten Bedeutung, Schöpfungen der Nazis sind. Dies geschieht oft ohne Kenntnis der Wortherkunft. Es sind Ausdrücke wie „Überfremdung„, „asozial„, „Untermenschund andere. Es zeugt von der tiefen Verankerung der gewaltsamen Umformung der Sprache durch die Nazis,so dass sie selbst in der x-ten Generation noch existiert. Natürlich hat sich, da Sprache lebendig ist, an der Definition der Worte viel geändert. Im Kern sind sie trotzdem diffamierend geblieben.

Aber nicht nur die alte Nazisprache durchsetzt unser Leben, sondern auch eine Weiterentwicklung dieser Sprache durch neue Wortkreationen bahnt sich Wege aus den Enklaven der Barbarei in das Bewusstsein der Menschen. Dies gilt auch für die Piratenpartei.

Sprache ist Ausdruck des Gedankens

Victor Klemperer  schrieb in der LTI: „Die Sprache ist Ausdruck des Gedankens“ [3]. Eigentlich eine schlichte Wahrheit.

Doch wenn Sprache „Ausdruck des Gedankens“ ist, was sind das für Gedanken, wenn Mitglieder der Piratenpartei immer und immer wieder einen Begriff, mit dem Demokraten von Nazis lächerlich gemacht werden, wie den der „Antifanten“ [4] ,oft auch abgewandelt zu „Pirantifanten” nutzen? Wenn Mitglieder der Piratenpartei eine Wortschöpfung von Menschenfeinden nehmen, um diese umzuwandeln und als „Pirantifanten”  wieder auferstehen lassen, Ausdruck von welchen Gedanken ist dies dann? 

Wenn die Sprache „Ausdruck des Gedankens“ ist, was sind das für Gedanken, wenn Mitglieder der Piratenpartei von „Ministalinisten“ sprechen, wenn sie andere Mitglieder der Piratenpartei meinen?

Das menschenverachtende Denken, das durch die Klassifizierung Andersdenkender durch den Wortgebrauch „Ministalinisten“ zum Ausdruck kommt, ist das eine. Doch wer den Begriff „Stalinismus“ mit der Vorsilbe „Mini“ verniedlicht, zeigt wie wenig Respekt er vor den Opfern einer brutalen Gewaltherrschaft hat. Das ist das andere. 

Was für ein Denken beherrscht Piraten, wenn sie andere Mitglieder der Piratenpartei, mit dem Begriff „Gutmenschen“ belegen? Ein Begriff, der genutzt wird, „um Andersdenkende pauschal und ohne Ansehung ihrer Argumente zu diffamieren und als naiv abzuqualifizieren“. Eine Wortkreation, die lediglich als „Kampfbegriffs gegen Andersdenkende zwecks Diffamierung eben dieser Andersdenkenden fungiert.

Wer jemanden, der einen Fehler gemacht hat und für diesen verurteilt wurde, noch Jahre später als „Bildchensammler“ schmäht, will ihn mit diesem Begriff nur erniedrigen.

Er will, mit Verweis auf einen Fehler, den Menschen, der gefehlt hat, dämonisieren.

Was für ein Denken steckt hinter der Diffamierung von Menschen, die als „sozial erfolglose Underdogs“ betitelt werden? „Sozial erfolglos“ ist nichts anderes als die neoliberale Umschreibung von asozial„.

Was ist denn „sozialer Erfolg“? Der Besitz materieller Güter? Die öffentliche Anerkennung aufgrund eines hohen Einkommens? Und was ist das Gegenteil davon? Nichts, was uns berühren sollte. Sätze, wie die von den „sozial erfolglosen Underdogs“, zeigen nur einen weiteren Baustein im menschenverachtenden Denken einzelner Piraten.

Das Schaffen verunglimpfender Termini und zynischer Euphemismen sind Ausdruck ihrer Geisteshaltung. Dennoch verraten solche Sprachschöpfungen mehr, als man auf den ersten Blick vermuten mag. Die Verschleierungstaktik, wenn man das so nennen möchte, offenbart eben erst recht, was sich dahinter versteckt.

Sprache bringt es an den Tag

Klemperer dazu: „Was jemand willentlich verbergen will, sei es nur vor andern, sei es vor sich selber, auch was er unbewußt in sich trägt: „Die Sprache bringt es an den Tag.“[5] 

Wer also Kampfbegriffe nutzt, deren Aufgabe es ist, andere zu entmenschlichen, kann sich noch so sehr bemühen, als „aufrechter Demokrat“ dazustehen denn „die Sprache bringt es an den Tag“.. Die Geisteshaltung, der der Sprechende verhaftet ist, entlarvt die Menschenverachtung als konstituierenden Bestandteil seines Charakters. Die Wahl seines Ausdrucks gibt Aufschluss über seine Sicht, seine Perspektive der Welt.

Worte können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“ [6] Wenn Worte, die Unmenschliches beinhalten, immer und immer wieder benutzt werden, wird das Gift der Verharmlosung der Inhalte verbreitet. Die hinter den Worten stehende Ideologie wird eingespeist in den Kreislauf der Piratenpartei, durch das „hoffähig machen“ der Worte. Wenn Klemperer das Bild der Arsendosen benutzt, so hätte er nicht treffender die Vorgehensweise einzelner in der Piratenpartei beschreiben können. Sie nutzen wieder und wieder verfremdete Nazi-Begriffe, bedienen sich ausgrenzender Worte oder nutzen diffamierende Ausdrücke. Was bleibt, ist die Gewöhnung an die Diffamierung, die Akzeptanz von solchen Begriffen. Man kann es drehen und wenden wie man will: Wenn die Gewöhnung an das Abwertende und Menschenverachtende Normalität wird, wird Abwertendes und Menschenverachtendes Teil unserer Alltagssprache.

Wenn die Gewöhnung an das Menschenverachtende Normalität wird

Wer Menschenverachtende Ausdrücke benutzt, oder Ausdrücke, die unmenschliches verniedlichen, muss sich mit dem Ursprung der Worte oder dem Wunsch, Unmenschliches zur Diskreditierung anderer einzusetzen, identifizieren lassen. 

Klemperer sagt mit dem Satz „Die Sprache bringt es an den Tag“: Manch einer kann sich anstrengen, wie er will, aber er wird mit seiner Sprache immer wieder aller Welt mitteilen, wie sehr er gedanklich der Verachtung anderen Menschen gegenüber verhaftet ist.

Piraten, die menschenverachtende Sprache benutzen und auf andere Piraten anwenden, zeigen damit eines: Wie sehr ihnen das menschenverachtendende Denken gefällt, das hinter dieser Sprache steckt.

Wenn wir anders sein wollen als andere, dann müssen wir das Einsickern der Menschenverachtung in unseren Sprachgebrauch und in das Denken der Piratenpartei  verhindern. 

Wir dürfen nicht zulassen, das Menschen uns durch die Benutzung des Prinzips der Selbstaufwertung durch Abwertung anderer spalten, ausgrenzen und somit einzelne Piraten gezielt diffamieren. Dies bedeutet, dass wir unseren eigenen Umgang mit Sprache reflektieren und die Nutzung von diffamierenden Begriffen unterlassen müssen. 

Wer in Diskussionen das Prinzip der Selbstaufwertung durch Abwertung anderer einbringt, will nicht diskutieren sondern diffamieren. Wer Diffamierung anstelle von Diskussion setzt, grenzt sich dadurch aus der Diskussion aus.

Nachtrag:

Ich werde hier keine Beispiele für diejenigen Mitglieder der Piratenpartei liefern, die sich menschenverachtender Sprache bedienen. Die Nennung von Namen hätte eine Pranger-Funktion. Das ist nicht das, was ich beabsichtige. Ich würde sicherlich auch den einen oder anderen in der Piratenpartei vergessen, der sich so äußert.

1000 Dank an @stoffeldear @Frankenfeld1 @Panaschieren @Herr_Samsa für Korrektur, Kürzungen und Kritik  

[1] Als „Sozial erfolglose Underdogs“ werden umstandslos sowohl Menschen bezeichnet, die ein über 6 Stelliges Jahreseinkommen verfügen und Beruflich und Sozial sehr erfolgreich sind wie auch ALG 2 Bezieher, die sozial vielfach engagiert sind. Dies macht diese Bezeichnung zu einem Kampfbegriff analog  von asozial.

[2]Victor Klemperer. LTI, Leipzig (Reclam) 1996

[3] LTI, Seite 27

[4] Mit dem Begriff Antifanten soll der politische Gegner – hier speziell alle, die sich antifschistisch betätigen – lächerlich gemacht werden und ist im speziellen Sprachgebrauch deutlich negativ konnotiert (wird im gleichen Sinne wie Zecke verwendet). In der von Nationalisten und Freien Kameradschaften gerne genutzten Propagandaplattform „libertas pluspedia“ kann Mensch sich über das dahinterstehende Gedankengut informieren. http://de.pluspedia.org/wiki/Antifant

[5] LTI, Seite 20

[6] LTI, Seite 27 

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10 Kommentare - “Menschenverachtende Sprache in der Piratenpartei”

  1. Mathias Says:

    Das war mit einer der Gründe warum ich vor einem halben Jahr mein Engagement bei den Piraten einstellte, denn noch werde ich mein Kreuzchen bei der BTW13 den Piraten geben. (Alles andere ist sowie so nicht wählbar, dann doch lieber das kleiner Übel.)
    Mir ist bei den Piraten aufgefallen, dass einige leicht angehaucht aus dem nicht ganz rechten Lager kommen und einige aus der linke Ecke. Da wird klar, dass wenn die auf einander treffen es zu Meinungsverschiedenheiten kommt, anstatt gemeinsamen mal zu überlegen warum das so ist und was man ändern könnte um auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen.
    Auch stellte ich zu dem fest, dass es bei einigen Piraten darum geht in der Öffentlichkeit zu stehen und dieses mit der Ellenbogentechnik gerne durchgesetzt wird. Da bediente man sich auch mit Wörtern und natürlich auch anderer Mittel.
    Sehr gute Analyse, zeigt sie mir doch das es noch Piraten gibt, die „Fehler bei sich(in den eigen Reihen)“ finden und hoffentlich verbessern wollen. Danke und weiter so.

    Grüße Mathias

  2. ascalon Says:

    Das es in Foren teilweise „heiß“ zugeht, ist eine der leidigen Begleiterscheinungen der „internettigen Sitten“. Dies ist mir aus eigener Anschauung hinreichend unangenehm, als das ich hier in irgendeiner Weise relativieren möchte. Allerdings kann Dein Bezug auf Klemperer, verzeih mir den Kontext zu „Ministalinisten“, durchaus als Mini-Godwin verstanden werden. Insofern gilt für Deinen Beitrag das Gleiche, was ich gerne allzu oft den Verfassern „meinungsstarker“ Forenbeiträge entgegnen würde: Mensch, habt Ihr kein Kleingeld….

  3. StefanH Says:

    Wie schwierig das mit der Sprache ist erkennt man schon an diesem Blogeintrag. Er ist so gespickt mit Fremdwörtern, dass man ein Wörterbuch bzw. die Google-Suche nebenher braucht um überhaupt zu verstehen, von was dort geredet resp. geschrieben wird.
    Ich habe vor kurzem Konstanze Kurz’s „Die Datenfresser“ gelesen und musste im gesamten Buch nur einen Begriff nachschlagen. Kann diese Art des Schreibens vielleicht als Vorbild dienen?


  4. […] veröffentlichte einen Beitrag über Menschenverachtende Sprache in der Piratenpartei und als hätten es manche nicht gelesen, las ich direkt, sowas wie: “zu einseitig”, […]

  5. Dean Says:

    Antifant ist ja wohl ein völlig normaler Begriff. Ich nutze den Begriff auch, wenn ich mich über linksextremisten benutze. Das sind keine „Demokraten“, das sind meines Erachtens einfach nur Idioten.

    • kpeterl Says:

      Um es deutlich zu sagen: „Antifanten“ ist ebenso wenig ein „normaler Begriff“ wie „Verjudung“ ein Normaler Begriff ist. Auch wenn es Menschen gibt, die beide nutzen und für Normal halten, so bleibt das Denken, das sie ausdrücken Ekelerregend und Menschenverachtend. Wer sich Menschenverachtendes Denken als „Normal“ zu eigen macht, sagt dadurch viel über sich und seine Haltung aus.


      • Was legst du mir Wörter in den Mund? Untermensch oder Verjudung sind abscheuliche Begriffe, die nicht dazu genutzt werden sollen, Menschen anzugreifen. Sie sollten zur geschichtlichen Aufarbeitung und zur Dokumentation genutzt werden – allgemein zur Aufklärung dieser Zeit und die Bedeutung der damaligen Sprache und Didaktik.

        Antifant ist kein Begriff, den ich ad hoc mit Judenverfolgen, Menschenhass oder Genozid in Verbindung bringe. Machen wahrscheinlich die wenigsten. Ich nutze diesen Begriff, wenn mir linksextremisten tierisch auf die Eier gehen.

        Die gezeigten Beispiele in diesem bescheuerten YouTube Video sind auch keine „Demokraten“. Weißt du, was das sind? Das sind Kinder oder Jugendliche, die sich stark fühlen, weil sie einer Bewegung oder Gruppierung angehören. Sowohl die Kommentare sollte mal getrost ignorieren als auch das Video an sich.

      • kpeterl Says:

        Wo genau habe ich dir Worte in den Mund gelegt? Ich habe Begriffe verglichen, um die Unmenschlichkeit, die ihnen innewohnt, aufzuzeigen


      • Wieso musst du das? Glaubst du etwa, ich weiß nicht was diese Begriffe bedeuten? 😀
        Mir geht’s um die Antifanten, und das ist in meinem Wortschatz ganz normal vertreten.

        Wenn Mitglieder der Piratenpartei meinen, irgendwelche hirnlosen Begriffe für eine Diskussion zu nutzen oder andere anzugreifen, sollte man sie einfach ignorieren.
        Ich würde jedenfalls nicht mehr mit dieser Person reden und anderen raten, das auch nicht zu tun.
        Anscheinend besteht die Piratenpartei wohl zu einem gewissen Teil aus social retards. Ich dachte, man konnte aus den Fehlern der Vergangenheit lernen.

      • StefanH Says:

        Unbedingt ansehen und verstehen, warum viele Leute mit uns Piraten nicht zurecht kommen…
        http://www.duden.de/suchen/dudenonline/antifant


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