Dresden: Der 13 Februar zwischen Opfermythos und „Danke Bomber Harris“

Tl;dr warum ein Bombenangriff eine Kriegshandlung und kein Massenmord ist
Am 13., 14. und 15. Februar 1945 warfen 2.435 britische und amerikanische Flugzeuge 7.070,3 Tonnen Bomben aller Art auf die Stadt Dresden.

Der Gestapo entkommen

Victor Klemperer schreibt hierzu in dem Buch „Lingua Tertii Imperii“ (LTI): „Am Abend dieses 13. Februar brach die Katastrophe über Dresden herein: die Bomben fielen, die Häuser stürzten, der Phosphor strömte, die brennenden Balken krachten auf arische und nichtarische Köpfe, und derselbe Feuersturm riß Jud und Christ in den Tod; wen er aber von den etwa 70 Sternträgern diese Nacht verschonte, dem bedeutete sie Errettung, denn im allgemeinen Chaos konnte er der Gestapo entkommen.“ [1]

Es ist richtig: die meisten Bewohner Dresdens erlebten die Bombenangriffe in Todesangst in notdürftig zu Schutzräumen umgewandelten Kellern, die sich für viele als tödlichen Fallen entpuppten. Es ist aber auch richtig:„(…) Ganz anders reagierten Opfer der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft im KZ Theresienstadt (Terezin) auf die Bombardierung der sächsischen Landeshauptstadt: „Wir weinten vor Freude, als wir den roten Schein am Himmel sahen. Dresden brennt, die Alliierten sind nicht mehr weit! Das war psychologisch ungeheuer wichtig für uns“, erinnerte sich ein Holocaust-Überlebender später.(…)“

Ebenso stimmt auch unzweifelhaft:  „Für Juden, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene konnte die Bombardierung zwar den Tod bedeuten, häufig aber auch die Befreiung.“

Anders gesagt: Was vielen Deutschen als „Apokalypse“ erscheint, rettete einigen ihrer Opfer das Leben und wurde von anderen ihrer Opfer begrüßt.

Auch Deutschen begrüßten die Bombenangriffe auf Dresden. Dieses stellt Wolf Biermann anhand seiner Mutter dar. Er schreibt „Meine Mutter freute sich über die Bombenangriffe, […]. Die alliierten Bomber waren unsere Freunde, wie man es kindisch sagt: unsere Verbündeten, die uns befreien sollten, von den Nazis.“

Mythos Dresden

Um die Bombenangriffe auf Dresden wurde in den letzten Jahrzehnten ein Opfermythos aufgebaut, der sich hartnäckig hält.

Die NS-Propaganda nutzte die Angriffe für ihre Gräuelpropaganda eines „Vernichtungskriegs gegen Deutschland.“ „ Die NS-Presse stellte die Bombardierung ab dem 16. Februar 1945 als lange geplanten „Massenmord“ dar.“

Im Vergleich zu anderen durch Bombenangriffe stark zerstörten Städten wurde die Bombardierung Dresdens auch international stark beachtet. Geschickt hatte das Propagandaministerium unter Goebbels absurd hohe Opferzahlen lanciert. Dresden wurde und wird benutzt, um die deutsche Kriegsschuld zu relativieren und die Stadt als Opfer „alliierter Terrorflieger“ darzustellen.

Auch die DDR machte sich den nationalen wie internationalen Mythos zunutze: Zum einen diente er der antiimperialistischen Agitation, zum anderen dazu, sich gegen die Faschisten zu wenden, welche für diese Zerstörung verantwortlich waren.

Ebenso wurde der Mythos in geschichtsrevisionistischer Literatur verbreitet und gepflegt.[2]

Täter als Opfer

Immer stärker wird die deutsche Verantwortung für den Krieg und die zahllosen NS-Opfer ignoriert und sich am angeblich widerfahrenen Unrecht geweidet. Ob Tiefflieger oder Phosphorbomben, die Legenden, die sich um diese Luftangriffe ranken, wurden immer weiter erhöht und so zum Teil des Deutschen Opfermythos.[3]

Diese Opfermythen flimmern über unsere Fernseher, zeigen uns Hitler, den Verführer, und transportieren das beruhigende Gefühl, dass der große Rest der Deutschen mindestens Opfer der Verhältnisse war. Und Opfer waren sie, in dieser Rezeption, selbst noch als Täter.

Der Höhepunkt ist jeweils Mitte Februar erreicht, wenn sich viele Deutsche über den Bombenangriff auf Dresden echauffieren, Opferzahlen herunter beten und von „Massenmord“, der dort geschah, schwadronieren.

Um es mit Eike Geisel zu sagen: „Die Deutschen hatten zwar den Krieg verloren, sollten aber als Vernichtungsgewinnler aus ihm hervorgehen, indem sie den Ermordeten noch die Rolle des Opfers stahlen.

Guido Knopp steht stellvertretend für eine Lust daran, endlich „befreit das Deutsche Leid“ im Krieg darzustellen. Seine Betrachtung des Zweiten Weltkrieges als einer „humanitären Katastrophe“ ohne Reflexion der Ursachen entpolitisiert den Diskurs um die Geschichte des Nationalsozialismus und seine Folgen. Das Problematische an dieser Debatte ist, dass ihr eine Täter-Opfer-Umkehrung zugrunde liegt, die auf eine Relativierung der deutschen Verbrechen hinausläuft.

Statt über Auschwitz, Leningrad und Lidice wollten manche Deutsche über die „Vertreibung“ der Sudetendeutschen, über den alliierten Luftangriff auf Hamburg und vor allem: über Dresden sprechen.

Als sich die Bombardierung der sächsischen Metropole 1995 zum 50. Mal jährte, wurde der Jahrestag „zur Schaffung eines Nationalmythos genutzt, mit dem die Deutschen Auschwitz vergessen machen wollen“. Dresden wurde zum Mahnmal für die vorgeblichen „Verbrechen der Alliierten“ erhoben.

Bei der zentralen Gedenkveranstaltung klärte Bundespräsident Roman Herzog den Bischof von Coventry und den Herzog von Kent über die „Unmenschlichkeit des Bombenkrieges“ auf, ohne die Worte „Coventry“, „Gernika“ und „Rotterdam“ auch nur in den Mund zu nehmen.

Zum 60. Jahrestag 2005 ist man dann schon weiter: Auf dem offiziellen Gedenkplakat „wird die Elbmetropole in einer Reihe mit Bagdad, Sarajewo, Coventry, Leningrad, Grosny und Hiroshima aufgeführt.

Die Verbrechen der Deutschen (Coventry, Leningrad) werden so nivelliert und auf eine Stufe mit anderen Kriegshandlungen (Bagdad, Sarajewo, Grosny) gestellt und so in ein allgemeines „Krieg ist böse und moralisch zu verurteilen.“ eingereiht. Andererseits wird Dresden im Sinne des Opfermythos auf eine Stufe mit Hiroshima gestellt. Da die meisten Deutschen den Atombombenabwurf schon immer als Kriegsverbrechen gesehen haben, wird Dresden so, unausgesprochen, zu einem Kriegsverbrechen erklärt.

Dass Coventry die Ursache für Dresden war, wird so entsorgt.

Tragen Tote zum Kriegsende bei?

Wenn Deutsche sich als Opfer fühlen, dann wollen sie den Befreiern gern auch noch moralische Vorschriften machen. So meinen sie genau zu wissen „25.000 tote Zivilisten tragen zu keinem Kriegsende bei“.

Hierzu das Folgende:

Der Historiker Götz Bergander schreibt „daß die von Dresden ausgelöste Schockwelle den noch vorhandenen Widerstandswillen fortschwemmte, weil jetzt befürchtet wurde, eine solche Katastrophe könne sich täglich wiederholen… Zwar glaubten die meisten Deutschen nicht mehr an den Sieg, aber sie konnten sich trotzdem die bedingungslose Kapitulation nicht vorstellen. Der Schock von Dresden trug wesentlich zu einer Sinneswandlung bei. Sie äußerte sich damals in den Worten: Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Der Schrecken ohne Ende – das war für die meisten Deutschen der Bombenkrieg.“ [4]

Dresden wurde erst in den letzten Kriegsmonaten zum Ziel der alliierten Angriffe. Die Bevölkerung sprach deshalb bereits vom „Luftschutzkeller des Reiches“. Die totale Zerstörung dieser Illusionen innerhalb von 48 Stunden musste natürlich als Schock wirken.

Sir Arthur T. Harris, Oberkommandierender des Bomber Command der Royal Air Force, glaubte an die Bedeutung der Bombardements für die Demoralisierung der Bevölkerung. Er ging von der Annahme aus, dass es in Nazi-Deutschland keine nennenswerten Widersprüche zwischen Führern und Geführten gab. Für ihn war der loyale Deutsche der befehlsgemäß loyale Exekutor des NS-Rasse- und Vernichtungskrieges. Für Dresden, das den Reichsweit zweithöchsten Anteil von NSDAP-Mitgliedern an der Bevölkerung hatte, galt dies umso mehr.

Warum das ganze?

Harris schrieb hierzu: „Das Bomber Command führt die einzigen offensiven Kampfhandlungen durch, die gegen Deutschland unternommen werden. Alle anderen Kriegsanstrengungen sind defensiver Natur und können niemals mehr erreichen, als unsere Existenz im Angesicht des Gegners zu erhalten. Das Bomber Command gibt uns die Möglichkeit, Rußland rechtzeitig zu unterstützen.“

Um dieses Ziel zu erreichen nutzte das Bomber Command Flächenbombardements.Bei den Flächenbombardements wurden neben den im Stadtgebiet befindlichen Industrieanlagen die Zivilbevölkerung und die Infrastruktur der Stadt primäres Ziel der Angriffe. Seiner Meinung nach sollten ganz bewusst zivile Ziele angegriffen werden, um die Moral und den Widerstandswillen der deutschen Bevölkerung zu brechen (so genanntes Moral Bombing).

Wichtig ist auch, dass sich ein großer Teil der noch intakten Rüstungsproduktion im „sicheren“ Dresden befand. Durch den Angriff wurden „enorme Auswirkungen auf die Rüstungsproduktion“ (Stadtarchivar Friedrich Reichert) erzielt. Im größten Rüstungsbetrieb, der Firma Zeiss Ikon, waren vor dem Angriff 10.837 Arbeiter tätig, danach nur noch etwa ein Viertel (2.508)„. [5]

Der Rest

Ob ich einen Kriegsakt als Verbrechen, Massenmord oder notwendiges Übel einschätze, ist durch zwei Faktoren bestimmt: erstens durch die juristische Einschätzung, die auf der Haager Landkriegsordnung beruht. Nun, hier ist „Bomber Harris“, übrigens so wie Göring, der wegen der Bombenangriffe auf Warschau, Coventry oder London nicht in Nürnberg angeklagt wurde, schuldfrei.

Flächenbombardements wurden als Kriegsverbrechen erst 1977 durch Artikel 51 in die Genfer Konvention aufgenommen.

Der zweite Faktor ist eine moralische Einschätzung. Meine ist: Ich verabscheue Krieg und jede kriegerische Handlung. Aber: Was ist der richtige Weg, um Nazi-Deutschland zu Fall zu bringen? Meine Antwort lautet: Jeder Weg, das kein Verbrechen beinhaltet. Ein Land, das dutzende Länder überfallen hat und Millionen von Toten verschuldet hat, das neben den Verbrechen der Shoa und dem Porajmos andere Menschen wegen ihrer „Rasse“ und anderem vernichtet hat, musste niedergerungen werden. Ist dazu jedes Mittel recht? Sicherlich nein. Kann ich die dazu notwendigen Mittel beurteilen? Nein, denn ich lebe jetzt, Jahrzehnte später. Kann ich aber sagen, dass es vollkommen absurd sei, den kriegsbedingten Bombenangriff auf Dresden als Massenmord zu bezeichnen? Ja, denn dem Angriff ging der Wunsch voraus, den Krieg und damit das Leiden von Millionen Menschen zu beenden.

Ist das ein „niederer Beweggrund“? Niemals.

Als Letztes

Der zweite Weltkrieg war die Auseinandersetzung zwischen Zivilisation und Barbarei, zwischen einem Menschenverachtenden, Menschenverschlingenden System, dessen Negierung des Menschlichen in Auschwitz ihren Historisch einmaligen Ausdruck fand und Alliierten, die diese Menschenverachtung mit Inbrunst und aus Überzeugung bekämpften.
Sie setzten dadurch auch der industriellen Vernichtung von Juden oder Sinti und Roma, die einzig aus dem Grund erfolgte, das sie Juden oder Sinti uns Roma waren, ein Ende.
Die Industrielle Vernichtung von Juden oder Sinti und Roma, die einzig aus dem Grund erfolgte, das sie Juden oder Sinti uns Roma waren, die von den Deutschen noch unnachgiebig betrieben wurde, als die Rote Arme schon vor den Toren von Auschwitz stand, und der Wille, sie zu beenden zeigen die Gewaltigen Unterschiede zwischen den Kriegsführenden Parteien. Eben der Unterschied zwischen Barbarei und Zivilisation.

Ich will nicht so weit gehen wie Wolf Biermann, der sagte, das „die meisten Deutschen die gerechte Strafe auf den Kopf gekriegt haben. Sei es, weil sie Verbrecher, Mörder und Mitmacher waren, sei es, weil sie alles mit angesehen haben und nicht sich tapfer gewehrt haben – also eine Art schuldlose Schuld doch auf ihrer Seele herumtragen. Und das fasst man nicht gern an. Das ist auch der Grund, warum sie nicht gern darüber sprechen: Weil es so gerecht war!

Ich weiß jedoch, das bei aller Brutalität, die den Flächenbombardements innewohnten, sie zur Befreiung Deutschland vom Nationalsozialismus beigetragen haben. Einer Befreiung, die es mir ermöglicht, diese Zeilen zu schreiben. Einer Befreiung, an der ganz unzweifelhaft auch Arthur Herris mitgewirkt hat. Und ja, ich bin jedem einzelnen Alliierten Soldaten dankbar, dass er sein Leben für meine Freiheit aufs Spiel gesetzt hat. Freue ich mich über die Zerstörung von Dresden? Nein, denn „wer sich über sowas freut, muss eine Bestie sein.Natürlich tut es mir leid, dass so eine schöne Stadt wie Dresden vernichtet worden ist, mit vielen unschuldigen Menschen. Dennoch: Das einzige, was ich diesen Bombenflugzeugen der Alliierten wirklich vorwerfe ist, dass sie nicht mal ein paar kleine Bömbchen übrig hatten, um die Gaskammern zu zerstören. so Biermann“

#### Danksagungen ####

Normalerweise veröffentliche ich an dieser Stelle eine Liste mit den Namen all derer, die mir beim erstellen des Posts geholfen haben.

Diesmal lasse ich es sein, denn wenn Menschen, nur weil sie einen Bombenangriff nicht verurteilen wollen als Massenmörder, krank oder als jemand, der sich an toten aufgeilen will beschimpft werden, so ist dies ein Klima, dem ich keinen anderen aussetzen will.

#### Quellen ####

[1] Victor Klemperer: LTI. Reclam-Verlag, Stuttgart 2010, Herausgegeben und kommentiert von Elke Fröhlich.

[2] David Irving und die Luftangriffe auf Dresden http://www.h-ref.de/personen/irving-david/irving-dresden.php

[3] siehe Nora Goldenbogen http://www.oekonux.de/projekt/chat/archive/msg00073.html

[4] Götz Bergander, „Dresden im Luftkrieg“, könnt ihr her erwerben. http://www.das-geschichtsbuch.de/product_info.php?info=p2976_Goetz-Bergander–Dresden-im-Luftkrieg.html&XTCsid=de08bae99b10949739ccbabd33e3f107 das Zitat habe ich nicht abgeschrieben, sondern hier entnommen: http://martinm.twoday.net/20060302/

[5] Ich bin von einem Aufmerksamen Leser (Christoph Braun) darauf hingewiesen worden, das sich in dieser Quelle eine Falschbehauptung befindet. Ich prüfe das und habe den angezweifelten Teil entfernt. Ich danke herzlich für den Hinweis.

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One Comment - “Dresden: Der 13 Februar zwischen Opfermythos und „Danke Bomber Harris“”


  1. […] Einschränkung stehe, das ist die kritische Thematisierung des Dresdner Opfermythos, siehe dazu https://kpeterl.wordpress.com/2017/02/11/dresden-der-13-februar-zwischen-opfermythos-und-danke-bombe…. Der Versuch, diesen Teil der Geschichte propagandistisch auszuschlachten, haben seinerzeit schon […]


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