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Gegen jeden #Antisemitismus

19. April 2015

Tl;drDer Nachfolgend Dokumentierte Antrag der Linksjugend Sachsen wurde am Wochenende vom VIII. Bundeskongress der Linksjugend [’solid] in Erfurt mit 79 Ja zu 64 Nein Stimmen angenommen. Der Bundeskongress ist das oberste Beschlussorgan der Linksjugend [’solid].

Eine Inhaltliche Analyse und Bewertung des Beschlusses folgt in Kürze.

Gegen jeden Antisemitismus

Die linksjugend [’solid] nimmt ihren antifaschistischen Grundkonsens ernst und tritt entschieden gegen Antisemitismus in all seinen Erscheinungsformen ein. Dazu gehört, aktuelle antisemitische Entwicklungen wachsam zu beobachten, als solche wahrzunehmen und aktiv gegen sie vorzugehen.

Der erstarkende Antisemitismus in Deutschland und weiteren europäischen Ländern ist ein reales Problem. Von tendenziöser Medienberichterstattung, Verschwörungstheorien und antisemitischen Klischees in der Bevölkerung über Israel-Boykottbewegungen und Angriffe auf Synagogen hin zu offen propagierten Vernichtungsfantasien, ziehen sich antisemitische Ressentiments quer durch die Gesellschaft.

Auch in der Linken finden sich antisemitische Denkmuster und Argumentationen, besonders in Form von ressentimentgeladener „Israelkritik“ und regressivem Antikapitalismus. Werden antisemitische Ressentiments als solche benannt, gerieren sich Beschuldigte häufig als Opfer und kritische Geister, indem sie behaupten, ihre „legitime Israelkritik“ sei ein Tabubruch. Solche Aussagen sind angesichts der Regelmäßigkeit, mit der Kritik an Israels Politik geäußert wird, schlichtweg falsch. Auch sind sie Zeugnis eines mangelnden und verkürzten Verständnisses von Antisemitismus, das sich bspw. in der Reduktion des Antisemitismusbegriffs auf seinen Ausdruck in der Massenvernichtung niederschlägt.

Antisemitismus richtet sich gegen ein imaginiertes „jüdisches Prinzip“

Ein kritisches Verständnis von Antisemitismus geht in seiner Analyse nicht vom Objekt, sondern von der_dem Antisemit_in aus, welche_r die abstrakten Mechanismen der kapitalistischen Gesellschaft auf das Judentum projiziert. Antisemitismus richtet sich gegen ein überlegen und kontrollierend imaginiertes „jüdisches Prinzip“, das die Ursache allen Übels darstellt. In der postnazistischen Gesellschaft tritt Antisemitismus häufig nicht mehr offen in der Verurteilung von Jüd_innen auf, dennoch ist er als Denkstruktur weiter vorhanden. Er äußert sich als israelbezogener Antisemitismus in Form von Dämonisierungen Israels, extrem einseitiger Schuldzuweisung, Nutzung antisemitischer Chiffren und Täter_in-Opfer Umkehrung durch Vergleiche Israels mit dem Nationalsozialismus. Ferner finden sich antisemitische Argumentationen in der Verbreitung von Verschwörungstheorien über vermeintliche Strippenzieher_innen, wie FED und Rothschild.

Es ist die historische Erfahrung aus Auschwitz, dass die dem Antisemitismus immanenten Vernichtungsfantasien real sind und im Zweifelsfall kein Staat den Schutz der Jüd_innen vor Antisemitismus zu garantieren bereit war. Israel ist die unerlässliche Konsequenz der Erfahrung der Shoa. Für eine Linke, die für gesellschaftliche Emanzipation eintritt, sollte die Verteidigung des unbedingten Existenzrechts Israels, als dem Staat zum Schutz der Jüd_innen, ein wichtiger Ausgangspunkt politischen Handelns sein. Eine Kritik des Antisemitismus in der linksjugend [’solid] muss neben der Aufklärung über Antisemitismus auch die Verhinderung der Verbreitung antisemitischer Standpunkte bedeuten.

Antisemitische und damit nicht akzeptierbar

Die linksjugend [’solid] stellt sich gegen jeden Antisemitismus und akzeptiert diesen in keiner Weise als Meinung von Einzelpersonen, Ortsgruppen und Strukturen. Die linksjugend unterstützt und organisiert keine Veranstaltung oder Demonstration, auf der antisemitische Positionen vertreten werden. Ferner bietet sie keine Plattform zur Verbreitung von Antisemitismus und lädt daher keine Personen und Organisationen zu Veranstaltungen ein, die absehbar solche Positionen vertreten werden. Die Verbreitung von Antisemitismus darf nicht ohne Konsequenzen bleiben.

Folgende Positionen sieht die linksjugend [’solid] als antisemitisch und damit nicht akzeptierbar an:

  • den Vergleich von Israel mit dem Nationalsozialismus
  • die Unterstellung, Israel begehe einen Genozid an den Palästinenser_innen
  • die Infragestellung des Existenzrechts Israels
  • die Solidarisierung mit Hisbollah und Hamas
  • den Ausruf „Kindermörder Israel“, der eine Anknüpfung an die antisemitische „Ritualmordlegende“ darstellt
  • die Dämonisierung Israels als „Apartheidsstaat“
  • Darstellungen, nach denen Israel, die Zionist_innen oder die USA die Medien kontrollieren
  • Aussagen über eine allmächtige „jüdische Lobby“ oder „zionistische Lobby“
  • Verschwörungstheorien über Gruppen, die angeblich im Hintergrund die Fäden ziehen (FED, Rothschilds)

Begründung

Personen und Ortsgruppen der linksjugend [’solid] haben innerhalb des letzten Jahres aktiv an antiisraelischen Demonstrationen teilgenommen oder diese sogar organisiert. Als sie mit dem Vorwurf des Antisemitismus konfrontiert wurden, erfolgte eine Abweisung jeglicher Debatte mit dem Verweis auf ein „Recht auf Israelkritik“, dass durch das Schwingen einer angeblichen “Antisemitismuskeule” eingeschränkt würde. Anstatt eine inhaltliche Debatte über den Vorwurf des Antisemitismus zu führen, wurde versucht, die Kritiker_innen als „unsolidarische Antideutsche“ zu verteufeln und ihre Kritik damit abzutun. Die Distanzierungsversuche seitens des Jugendverbandes, die es schließlich doch gab, sind leider konsequenzlos geblieben. Damit solche Vorkommnisse in Zukunft nicht wieder passieren bzw. nicht konsequenzlos hingenommen werden, braucht es eine gemeinsame Grundlage zu dieser Frage, die dieser Antrag darstellen soll.

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Beschneidungsverbot von Jungen: die Kriminalisierung von Juden und Muslimen

26. Februar 2015

Tl;dr Gegen die Kriminalisierung der Beschneidung von Jungen – deutlich machen, dass Muslima und Muslime sowie Jüdinnen und Juden Teil dieser Gesellschaft sind.

In Zeiten wie diesen, in der #pegida Demonstrationen auf Deutschen Straßen Muslimas und Muslimen Verstehen geben „Ihr gehört nicht zu uns“ und deutsche Gerichte mit der Erklärung, das Anzünden von Synagogen sei kein Antisemitismus Jüdinnen und Juden zu Verstehen geben „Ihr gehört hier nicht hin“, gibt es Unverantwortliche symbolische Aussagen, die beiden Gruppen verdeutlichen: „macht was wir für Richtig halten oder geht weg.“

Zu diesem symbolischen Aussagen,deren Inhalt ein Deutliches „Ihr gehört nicht zu uns“ beinhaltet, gehört das bejubeln des Fehlurteils vom 7. Juni 2012 des Landgericht Köln zur Beschneidung von Jungen aus religiösen Gründen im Jahr 2015 als ein Symbol für Freiheit und Selbstbestimmung

Im Folgenden Gründe, warum eins nicht „Für“ Beschneidung sein muss, aber gegen gegen jegliche Form der Kriminalisierung von Beschneidung von Jungen sein sollte.

Für jüdische und muslimische Bürgerinnen und Bürger ist die Frage existentiell, ob sie zukünftig einen wesentlichen Teil ihrer religiösen und kulturellen Tradition in Deutschland ausüben und in der von ihnen gewählten Art und Weise Beschneidungen von Jungen durchführen können.

Hier sind sich konservative und liberale Jüdinnen, Juden, Muslima und Muslime einig.

In der Debatte um die Beschneidung von Jungen konkurrieren Rechte miteinander

Bei der Debatte um die Beschneidung kleiner Jungen konkurrieren mehrere Rechte miteinander: das Recht auf Religionsfreiheit, das Recht auf körperliche Unversehrtheit, das Recht auf religiöse Selbstbestimmung, Elternrechte, Kinderrechte.

Eines steht fest: Menschen müssen sich in Abwägung der Argumente und Rechtspositionen letztlich politisch positionieren.

Leitmotiv dabei ist der gesellschaftliche Zusammenhalt unter Anerkennung und Respekt unterschiedlicher Lebensweisen,Weltanschauungen und religiöser Überzeugungen auf der Basis der allgemeinen Menschenrechte.

Wichtig und Grundsätzlich ist: Die Beschneidung von Jungen ist nicht vergleichbar mit der genitalen Verstümmelung von Mädchen. Analogien verbieten sich deshalb.

[Die Debatte um Beschneidung wird begleitet von Antimuslimischen und antisemitischen Klischees. Die Tatsache, dass es in Deutschland einen seit Jahren wachsenden Antisemitismus und antimuslimischen Rassismus gibt, muss immer Teil der Erwägungen beim Reden über Beschneidung sein.]

Das Kölner Landgericht führt in seinem Urteil vom 7. Juni 2012 das Recht auf religiöse Selbstbestimmung als ein Grund für die Forderung nach einem Verbot der Beschneidung von Jungen an. Das Landgericht stellt in seinem Urteil fest: „Diese Veränderungen [des Körpers des Kindes durch Beschneidung] läuft dem Interesse des Kindes, später selbst über seine Religionszugehörigkeit entscheiden zu können, zuwider.“  Das Argument trifft nicht zu.

Uns ist keine Religion oder Weltanschauung bekannt, die Beschnittenen die Aufnahme in ihre Reihen verwehrt.

Die Unterstellung, jüdischen und muslimischen Eltern gingen unverantwortlich mit Kindern um

Umgekehrt ist es auch nicht so, dass jeder der beschnitten ist, automatisch Jude oder Muslim ist oder wird.

Die Befürworter des Kölner Urteils argumentieren, dass Beschneidung aus religiösen Gründen ein nicht medizinisch notwendiger körperlicher Eingriff ist und deswegen als Körperverletzung zu werten sei.

Aber alle medizinischen Eingriffe haben immer eine gesellschaftlich-kulturelle Dimension. Eltern haben einen Ermessensspielraum bei körperbezogenen Entscheidungen für ihre Kinder bei Heileingriffen, Impfungen, Schönheitsoperationen, Geschlechtszuweisungen bei Intersexualität. Von daher müssen sich wir uns die Frage stellen, warum es gerade jetzt eine Kampagne für eine Einschränkung der Beschneidung gibt, andere körperliche Eingriffe aber außen vor bleiben.

Die Auffassung, die Beschneidung widerspreche dem Kindeswohl, unterstellt der Mehrheit der jüdischen und muslimischen Eltern, unverantwortlich mit ihren Kindern umzugehen.

Durch die Drohung mit dem Strafrecht erreicht eins nicht weniger Beschneidungen, sondern eine Verunsicherung und Stigmatisierung der Betroffenen. Das kann dazu führen, dass zukünftig mehr Beschneidungen nicht medizinisch sachgerecht durchgeführt werden und Komplikationen verschwiegen werden, aus Angst, ansonsten strafrechtlich belangt zu werden. Komplikationen werden durch eine Kriminalisierung und Tabuisierung eher häufiger auftreten.

[Immer wieder wird auf Diskussionen über andere formen der Beschneidung von Jungen in Religionen als Teil der Argumentation für eine Kriminalisierung der Beschneidung verwiesen.]

Wenn die Praxis einer Religion sich ändern soll, muss der Impuls von innen kommen

[Ich] sehe es nicht als die Aufgabe von Parteien an, Vorschläge für die Änderung der Religionspraxis von Juden, Jüdinnen, Muslima und Muslimen zu machen. Von daher halten ich den Vorschlag […], Beschneidung bei unter 14 Jährigen in Deutschland zukünftig nur noch als symbolische Beschneidung durchzuführen, für nicht richtig. Die Mehrheit der muslimischen und jüdischen Gemeinden und Organisationen halten eine „symbolische Beschneidung“ nicht für einen adäquaten Ersatz für die Beschneidung.

[Ich] bin überzeugt: Wenn die Praxis einer Religion verändert werden soll, dann muss der Impuls von innen kommen.

Die Beschneidung ist für viele jüdische und muslimische Menschen auch Symbol von Zusammengehörigkeit, das in Situationen gesellschaftlicher Diskriminierung und Stigmatisierung eine hohe Bedeutung bekommt. Wir haben nicht das Recht, diese Eigendefinition in Frage zu stellen, schon gar nicht im Land der Schoa.

[Aus all den Voranstehenden Gründen ist eine Beteiligung an der Unterstützung Demo zur genitalen Selbstbestimmung und die Unterstützung der Dort aufgestellten Forderungen falsch.]

[Menschen müssen nicht „für“ Beschneidung sein, wenn sie sich gegen jegliche Form der Kriminalisierung von Beschneidung von Jungen einsetzen und damit deutlich machen, dass Jüdinnen, Juden, Muslima und Muslime und ihre religiösen Traditionen Teil dieser Gesellschaft sind.]“

Der Text erschien am 27. September 2012 als gemeinsame Erklärung von Christine Buchholz (MdB DIE LINKE), Werner Dreibus (MdB DIE LINKE), Stefanie Graf (Mitglied im Parteivorstand DIE LINKE), Nicole Gohlke (MdB DIE LINKE), Claudia Haydt (Mitglied im Vorstand der Europäischen Linken (EL)), Luc Jochimsen (MdB DIE LINKE), Caren Lay (MdB DIE LINKE), Bodo Ramelow (MdL DIE LINKE,Ministerpräsident Thüringen), Katina Schubert (Landesgeschäftsführerin DIE LINKE Berlin)

Aus gründen habe ich ihn hier Re-Bloggt. Er ist an einzelnen stellen geringfügig geändert worden. Nicht zum Text gehören die in Eckigen Klammern gesetzten stellen und die Zwischenüberschriften. Sie sind entweder von mir oder weichen stark vom Orginal ab.

Das Orginal findest eins hier.

Wir sind doch nicht dehmlich!

25. November 2014

Tl;dr Der folgende Text wurde am 24. November 2014 als „Stellungnahme zu Diether Dehm“ auf der WordPress Seite der linksjugend [’solid] Niedersachsen veröffentlicht.

Inzwischen ist dieser Link nicht mehr erreichbar, der Text wurde augenscheinlich depubliziert.

Unabhängig davon, wie ich zu diesem Text stehe, bin ich der Meinung, das ein Diskussionsbeitrag des Landessprecher*innenrat der linksjugend [’solid] Niedersachsen und weitere Mitglieder unseres Jugendverbandes nicht einfach so dem digitalen Vergessen anheimfallen sollte. Ein Backup des Beitrags wurde in einem PASTEBIN gesichert. Dieses PASTEBIN wird hier wiedergegeben.

Nachtrag: Eine Stunde, nachdem ich diesen Post veröffentlicht habe, wurde „Wir sind doch nicht dehmlich!“ auf der Wordpress Seite der linksjugend [’solid] Niedersachsen erneut veröffentlicht

Nachtrag 2: Inzwischen ist auch dieser Link nicht mehr erreichbar, der Text wurde augenscheinlich depubliziert. Dies wurde unter „Für eine zukunftsorientierte, solidarische Linke und [’solid] in Niedersachsen“ erläutert.

 

Dokumentation: Wir sind doch nicht dehmlich!


Der Landessprecher*innenrat der linksjugend [’solid] Niedersachsen und weitere Mitglieder unseres Jugendverbandes möchten sich hiermit ausdrücklich von dem niedersächsischen MdB der Partei DIE LINKE, Dr. Diether Dehm, distanzieren.

Dehms Weltbild und Verhalten stehen den antifaschistischen Grundsätzen der Partei DIE LINKE entgegen und sind schlicht antiemanzipatorisch und regressiv. Wir fordern daher Dehm auf, sein Mandat niederzulegen und aus der Partei DIE LINKE auszutreten.


Es ist außergewöhnlich und bemerkenswert, in welch hohem Maße ein „Genosse“, der immerhin vor etwas mehr als einem Jahr noch als Spitzenkandidat der Niedersächsischen LINKEn zur Bundestagswahl antrat, jahrelang die Funktion des Landesvorsitzenden innehatte und im Bundesparteivorstand saß, sich in so vielfältiger Hinsicht politisch disqualifizieren konnte.

Da es in diesem Jahr eine wahrhafte Anreihung dehmlicher Entgleisungen zu beobachten gab, die exemplarisch für das stehen, was in einer emanzipatorischen Linken und LINKEN nichts verloren haben sollte, wollen wir eine unvollständige Auswahl noch einmal zusammengefasst präsentieren, um zu sagen: Es reicht. Endgültig.


Eine Debatte anstoßen die bei der Person Dehm ansetzen muss


Wir hoffen, mit diesem Text eine Debatte anzustoßen, die sowohl Partei als auch Jugendverband dringend führen müssen, und die bei der Person Dehm ansetzen kann und muss, aber weit darüber hinausgeht. Daher wollen wir an dieser Stelle all jenen, die sich mit der Person Dehm bislang nicht oder nur unzureichend auseinandergesetzt haben, folgende kleine Sammlung unheimlich dehmlicher Quer(front)schläger nicht vorenthalten:

Fangen wir mal am Anfang und bei “A” an. “A” wie abscheuliche, absurde Äußerungen – eine besondere Stärke unseres “Genossen” Dehm. Erinnern wir uns dazu an die Wahl des Bundespräsidenten 2010:
Am Rande der 14. Bundesversammlung Ende Juni 2010, antwortete Dehm auf die Frage eines ZDF-Journalisten, ob er sich nicht vorstellen könnte, Gauck zu wählen, wie folgt: „… Was würden Sie denn machen, Sie hätten die Wahl zwischen Stalin und Hitler?“[1]


Richtig ist, dass die Wahl zwischen Gauck und Wulff für eine*n Linke*n eine Wahl ohne politisch zufriedenstellende Optionen darstellt. Jedoch ist der Vergleich Gaucks und Wulffs mit Stalin und Hitler angesichts unzähliger Opfer stalinistischer bzw. nationalsozialistischer Gewaltherrschaft nicht nur geschichtsvergessen, sondern auch an Zynismus kaum zu überbieten. Die indirekte, kleinlaute Entschuldigung am Tag darauf, macht diesen Fauxpas noch lange nicht wett.


Der schwerwiegendste Grund für eine politische Distanzierung von Dehm


Der für uns schwerwiegendste und unausweichlichste Grund für eine klare politische Distanzierung von Dehm ist jedoch seine gegen existentielle Grundwerte unserer Partei und unseres Jugendverbandes verstoßende, nicht zu leugnende Affinität zu antisemitischen, antizionistischen, verschwörungsideologischen, regressiven Erklärungsversuchen der kapitalistischen Realität, die wir als falsch, gefährlich und rechtsoffen ansehen, zumal sie mit einer emanzipatorischen linken Kritik am Kapitalismus nichts zu tun haben.

Harter Vorwurf gegenüber einem Linken, der sich stets den Antifaschismus auf die Fahne schreibt? Sicher, aber bedauernswerterweise bittere Realität. Denn Dehms Verhalten legt nahe, dass es sich bei seinem Antifaschismus wohl eher um ein Lippenbekenntnis zu handeln scheint:

Und so kommen wir zum Buchstaben „B“ wie Bandbreite, dem Namen einer „volkssozialistischen Musikgruppe“[2], die auch und vor allem im rechten Spektrum außerordentliche Bekanntheit und Anklang für ihre mit wirren Verschwörungstheorien[3] gespickten, antiamerikanischen, sexistischen[4] und vergewaltigungsverherrlichenden[5] Songtexte findet und die auch gerne mal Wahlkampf für die rechtspopulistische, ausländerfeindliche Schweizer Volkspartei gemacht hat. Was “Die Bandbreite” mit Dehm zu tun hat? Dank Dehm konnten Kreisverbände im Bundestagswahlkampf genau diese ekelhafte Band auf Wahlkampfveranstaltungen buchen. „Nun denn, da war sich der Diether vielleicht nicht ganz im Klaren, wen er da auf die Liste gesetzt hat“, mag sich manch wohl wollendes Mitglied da denken. Fehlanzeige! Statt diesen kulturpolitischen Fehltritt rückgängig zu machen, verwies Dehm auf die „künstlerische Freiheit“, die sich nicht einfach so außer Kraft setzen ließe und weigerte sich, die Band von der Liste zu streichen[6]. Angesichts einer solch fragwürdigen „Kulturarbeit“ fordern auch wir [’solid]’s für die niedersächsische LINKE „künstlerische Freiheit“: Allerdings die Freiheit im Sinne der Befreiung, der Befreiung vom „Künstler“ Dehm.

Verunglimpfung von Genoss*innen, die Naidoos Einsatz für die Reichsbürger*innen kritisieren


Unser musikalischer “Genosse“ hat’s ohnehin in Sachen “verquere Solidarität mit genauso verqueren Künstlern“. So „ertappt“ sich Herr Dehm laut eines Facebook-Posts kürzlich selbst dabei, Gefallen an der Musik Xavier Naidoos zu finden. Naidoo? Ist das nicht…? Ja genau! Der komische Typ, der zum Tag der Deutschen Einheit bei einer Montagswahnmache der Querfront-Bewegung vor dem Kanzleramt und danach bei einer weiteren Demonstration von Reichsbürger*innen[7] vor dem Reichstagsgebäude aufgetreten ist, an der sich auch der Berliner NPD-Chef Sebastian Schmidtke beteiligte. Naidoo ist ein glühender Verfechter kruder Weltverschwörungstheorien, versteckt antisemitische Inhalte in seinen Texten[8] und ist der Überzeugung, dass Deutschland bis heute ein besetztes Land sei.

Natürlich darf Herr Dehm Naidoos Musik ganz toll finden. Was uns die Sprache verschlägt, ist Dehms reflexartige Verunglimpfung von Genoss*innen, die völlig zu Recht Naidoos Einsatz für die neurechten Reichsbürger*innen- und Montagswahnmachen-Bewegung scharf kritisieren. So bezeichnete er in dem besagten Facebook-Post Kritiker Naidoos als „antideutsche shitstorm-SA“[9]. Wir nehmen zur Kenntnis, dass Diether Dehm Genoss*innen, die aus historischer, politischer und antifaschistischer Verantwortung auf das Gefahrenpotential der neurechten, antisemitischen Querfront-Bewegung hinweisen, mit der nationalsozialistischen SA vergleicht, diese damit zutiefst diskreditiert und Gräueltaten, sowie die auf Vernichtung ausgerichtete Ideologie der Nazis bzw. der SA relativiert.


Es ist nach unserem Empfinden einfach schamlos, dass wir als Mitglieder der linksjugend [´solid], die sich aktiv gegen rechtes Gedankengut einsetzen, solch widerlichen Angriffen und Beleidigungen ausgesetzt sind


Zur Erinnerung: Der BSpR der linksjugend [´solid] hatte bereits 2012 Strafanzeige wegen Volksverhetzung gegen Xavier Naidoo gestellt. Konkret warf unser Jugendverband ihm in einem seiner Lieder vor, gewaltverherrlichende und homophobe Texte zu verwenden. In einem hidden track hieß es u. a.:


“Ich schneid euch jetzt mal die Arme und die Beine ab, und dann ficke ich euch in den Arsch, so wie ihr es mit den Kleinen macht. Ich bin nur traurig und nicht wütend. Trotzdem würde ich euch töten. Ihr tötet Kinder und Föten und ich zerquetsch euch die Klöten. Ihr habt einfach keine Größe und eure kleinen Schwänze nicht im Griff. Warum liebst du keine Möse, weil jeder Mensch doch aus einer ist? Wo sind unsere Helfer, unsere starken Männer, wo sind unsere Führer, wo sind sie jetzt?”[10]

Macht die berechtigte Kritik an einem solch widerlichen Songtext den damaligen BSpR nun auch zur „antideutschen Shitstorm-SA“? Oder verbrüdert sich Dehm mit Naidoo, weil er tief im Herzen dessen antisemitische, homophobe und nationalistische Weltverschwörungsideologien teilt?


Es ist längst an der Zeit Faschismus, Homophobie und Antisemitismus aktiv zu bekämpfen!


Wir lassen uns für unsere antifaschistische Haltung nicht als „antideutsche Shitstorm-SA“ beschimpfen. Schon gar nicht von einem vermeintlich linken “Genossen”! Es ist längst an der Zeit Faschismus, Homophobie und Antisemitismus aktiv zu bekämpfen! Egal wo und von wem er ausgeht.


Leider entsteht allerdings der Eindruck, dass dort, wo solch menschenfeindliches Gedankengut bekämpft werden muss, Dehm oft nicht weit ist – allerdings auf Seiten derer, die solches Gedankengut vertreten. Da seine Solidarisierung mit Naidoo nicht der einzige Ausflug ins verschwörungsideologische Mahnwachen-Mileu war, scheint es uns angebracht, auf Dehms Verbindungen zu dieser zum Glück gerade in der Irrelevanz versinkenden Bewegung einzugehen.
Die selbsternannte „Friedensbewegung“ und ihre mittlerweile zerstrittenen und gespaltenen Initiatoren bzw. Wortführer Lars Mährholz, Ken Jebsen und Jürgen Elsässer vertreten in einem erschreckenden Ausmaß rechtes, antisemitisches und verschwörungsideologisches Gedankengut. Der Begriff “Frieden” wird inhaltlich nicht definiert und so als Floskel für alles Mögliche benutzt, steht aber entgegen der Selbstbezeichnung sowieso im Hintergrund. Eher geht es um antisemitische Dämonisierungen Israels, plumpen Antiamerikanismus, regressive und personalisierte Hetze gegen die Repräsent*innen unverstandener Erscheinungen, die in der Logik des Kapitalismus begründet sind und verschwörungsideologische Absurditäten aller Art[11].

Klingt so, als hätte Diether Dehm da gerade noch gefehlt? Richtig, denn trotz entgegenstehendem Beschluss des Parteivorstands[12] ließ Dehm sich nicht davon abhalten, auf der Berliner Montagsmahnwache aufzutreten[13]. Jürgen Elsässer und die Nazis freut’s[14]. Leider zog ein solches Verhalten, welches sich gegen einen gültigen Beschluss und darüber hinaus gegen die antifaschistischen Grundsätze der Partei richtet, keine Konsequenzen nach sich, was uns mit tiefstem Unverständnis erfüllt.


Dehms Weltbild ist also ganz offensichtlich nicht progressiv


Dehms Weltbild ist also ganz offensichtlich nicht gerade progressiv, emanzipatorisch oder doch wenigstens in Ansätzen reflektiert. Stattdessen leitet ihn – wie übrigens einige andere Mitglieder unserer Partei auch – ein von antisemitischen Argumentationsmustern durchzogener und verschwörungsideologischer Wahn. Sein Engagement für die Querfront zeigt letztlich, dass sich endlich gefunden hat, was zusammengehört, wie beim Thema “Antisemitismus” ein weiteres

Mal deutlich wird. Antisemitismus – nach dehmlicher Definition – “ist Massenmord und muss dem Massenmord vorbehalten bleiben“[15]. Und was ist dann die Losung “Kauft nicht bei Juden”? Kein Antisemitismus, weil kein Massenmord? Oder Anschläge auf Synagogen, gewaltsame Übergriffe auf Jüdinnen und Juden, die letzten Sommer ein solches Ausmaß annahmen, dass der Präsident des Zentralrats der Juden von der schlimmsten Zeit seit 1945 sprach[16]? Alles kein Antisemitismus, weil ja noch kein Massenmord, lieber Herr Dehm? Wäre ja auch zu komplex, schließlich mag es Dehm ja sehr “einseitig”, jawohl!


Was uns schon zum nächsten Punkt bringt, über den wir soviel kotzen könnten, wie kein Mensch fressen kann. In seinem Text “Jawohl, wir sind einseitig” macht Dehm deutlich, wie er sich zum Nah-Ost-Konflikt positioniert. Darin schreibt Dehm: „Wer die Macht hat, so viele Medien zu beeinflussen, der ist am Zuge, Propaganda, die die Spirale des Terrors weiterdreht, durch überparteiliche, wahrhaftige Berichterstattung zu ersetzen“ [17] und bedient damit das alte antisemitische Ressentiment, dass Jüdinnen und Juden die Medien kontrollieren, um ihre Vormachtstellung zu sichern.

Dass ihm auch ansonsten nicht sonderlich an der Existenz eines jüdischen Staates gelegen ist, zeigt sich auch in der Äußerung, man müsse sich auch mit der Hamas solidarisieren können[18]. Da fragen wir uns natürlich, was genau an dieser antisemitischen, islamistischen Terrororganisation, in deren Charta die Vernichtung Israels festgeschrieben steht, die durch ihre Raketen so viele zivile Jüd*innen wie möglich töten möchte und die sich für die palästinensische Bevölkerung nur insofern interessiert, als sie als menschliche Schutzschilde zu benutzen sind, einer linken Solidarität wert sein sollte?


Dass Dehm nicht nur überhaupt keinen Begriff von Antisemitismus hat, sondern selbst auch gerne Ressentiments bedient, zeigt sich nicht nur in seiner antizionistischen Position in Bezug auf Israel und seinem Glauben an eine zionistische Mediengleichschaltung. Denn das, was Dehm für Kapitalismuskritik hält, ist lediglich Ressentiment, in dem sich die schon von den Nazis vollzogene Teilung zwischen „schaffendem“ und „raffendem“ Kapital wiederholt, so in Dehms Rede von der Deutschen Bank als “Krebsgeschwür für unsere Volkswirtschaft”[19]. Abgesehen davon, dass die Rhetorik auch von der NPD stammen könnte und an den Naziausspruch von (jüdischen) “Parasiten am Volkskörper” erinnert, werden in einer solchen Äußerung Prozesse, die sich aus der Eigenlogik des Kapitalismus ergeben, personalisiert und ein Gegensatz von “gesundem” Volk und produktiver Arbeit (die er als Ursache der Ausbeutung wohlweislich verschweigt), sowie “kranker” Zirkulation, stellvertretend festgemacht am griffigem Hassobjekt “Deutsche Bank”, aufgemacht. Eine solche “Kritik” hat nicht verstanden, dass sowohl Produktion als auch Zirkulation funktional notwendiger Teil des kapitalistischen Systems sind und dieses für eine tatsächliche Kritik deshalb erst in seiner Funktionsweise verstanden werden muss, wovon Herr Dehm offenbar noch ganz weit entfernt ist. Dass eine solche Projektion allen Übels der kapitalistischen Vergesellschaftung in die Zirkulation, also zum Beispiel in den Bankensektor, darin münden kann, diese in den Jüd*innen zu personifizieren, hat der Nationalsozialismus drastischer als alle Theorie vor Augen geführt.


Dehms Weltbild hat in einer emanzipatorischen Linken nichts verloren


Summa summarum: All diese Vorfälle zeigen, dass es sich hier nicht um einzelne, bedauerliche Entgleisungen handelt, sondern dass dahinter ein Verhalten und ein Weltbild stehen, welche in einer emanzipatorischen Linken nichts verloren haben.

Die Persona Diether Dehm und seine unvorstellbar dehmliche Weltanschauung ist für sich genommen schon ekelhaft genug. Aber wir geben uns nicht der Illusion hin, dass Diether Dehm der einzige antizionistische, reflexionsresistente Verschwörungsideologie-Fan in unserer Partei ist. Diether Dehm ist von der niedersächsischen LINKEn zum Spitzenkandidaten im Bundestagswahlkampf gekürt worden und wird auch jetzt noch von vielen angeblichen “Genoss*innen” gefeiert und protegiert. Dehms gedankliche Strukturen sind kennzeichnend für einen beachtlichen Teil der niedersächsischen LINKEn.

Wollen wir also Dehms an antisemitische Ressentiments anknüpfenden Argumentationsmustern und seinen Querfront-Liebeleien ein Ende setzen, müssen wir auch auf Konfrontationskurs mit denen gehen, die dessen Positionen, Gedanken und Ideologie teilen und in diesem Sinne eine Auseinandersetzung über Antisemitismus von links und seine Ursachen innerhalb der Partei anstoßen. Wir möchten uns in Zukunft wieder auf sozialistischer, antifaschistischer, antihomophober, basisdemokratischer und feministischer Grundlage konstruktiv engagieren. Antizionismus, Antisemitismus, neurechten Querfrontstrategien und Verschwörungsideologien werden wir entsprechend unseren politischen Grundsätzen auch weiterhin die rote Karte zeigen.

Denn für uns gilt der Schwur von Buchenwald, nicht nur dem Wort, sondern auch dem Inhalt nach, und das heißt für uns, dass ein Verhalten, welches diesem entgegensteht, Konsequenzen haben muss.

Antifaschistische und zugleich besorgte Grüße,

Madeleine Steffen (LSpR linksjugend[´solid] Niedersachsen), Carsten Christiansen (LSpR linksjugend[´solid] Niedersachsen), Paul Kühn (LSpR linksjugend[’solid] Niedersachsen), Karsten Stöber (Mitglied des BSpR linksjugend[’solid]), Maria Wöhr (Länderratsdelegierte der linksjugend[’solid] Niedersachsen), Lennart Onken (Mitglied im LaVo DIE LINKE. Niedersachsen), LAK Shalom Niedersachsen

PS.: Den Absatz zum Thema “Stasi-Spitzel” sparen wir uns an dieser Stelle, da diese Kritik anderer inhaltlicher Natur ist. Wer sich diesbezüglich dennoch ein Bild machen möchte, dem empfehlen wir an dieser Stelle folgenden Link (auch wenn wir von Herrn Knabe oder der KAS herzlich wenig halten): http://www.kas.de/wf/doc/kas_1193-1442-1-30.pdf?100702105820

 

Quellen

 


[1] Vergleiche hierzu den Spiegel Online-Artikel vom 01.07.2010: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/praesidentenwahl-linke-politiker-entschuldigt-sich-fuer-hitler-stalin-vergleich-a-704100.html

[2] Mit dieser Bezeichnung betitelte und lobte die NPD 2010 die Band „Die Bandbreite“. Siehe TAZ-Artikel vom 02.05.2013: http://www.taz.de/!115635/

[3] In dem Song “Selbst gemacht” behauptet die Band, die Terroranschläge vom 11. September 2001 auf das World Trade Center und das Pentagon seien womöglich das Werk der USA gewesen.

[4] Ihr frauenverachtendes Menschenbild propagiert die Band in mehreren Songs. In „Man kennt uns“ heißt es dazu: “Ich brauch jetzt was Williges, seh ichs, brauch ichs, will ich es“.

[5] In dem Lied “Eingelocht” wird völlig unkritisch und detailliert eine Vergewaltigung beschrieben und sich mit dem Vergewaltiger identifiziert. http://lyrics.wikia.com/Die_Bandbreite:Eingelocht

[6] Siehe hierzu den Spiegel Online Artikel vom 28.06.2013: http://www.spiegel.de/politik/deutschland/linken-spitzenkandidat-verteidigt-frauenverachtende-band-a-907808.html

[7] Siehe hierzu: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/xavier-naidoo-pop-saenger-richtet-sich-an-verschwoerer-klientel-a-995909.html)

[8] In den Lyrics zu “Raus aus dem Reichstag” heißt es: “Wie die Jungs von der Keinherzbank, die mit unserer Kohle zocken. Ihr wart sehr, sehr böse, steht bepisst in euren Socken. Baron Totschild gibt den Ton an, und er scheißt auf euch Gockel. Der Schmock ist’n Fuchs und ihr seid nur Trottel” Vergleiche hierzu den Artikel in The Huffington Post vom 16. Oktober 2014: http://www.huffingtonpost.de/2014/10/16/xavier-naidoo-antisemitismus_n_5994710.html

[9] Siehe folgenden Link: https://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=10152249388021851&id=5109198685 Für all jene, die nicht bei Facebook registriert sind: Folgendes postete Dehm via Facebook: „Nachdem die antideutsche shitstorm-SA jetzt so über Xavier Naidoo herfällt, ertappe ich mich dabei, dass mir Lieder von ihm zu gefallen beginnen.“

[10] Siehe u. a. http://www.stern.de/panorama/anzeige-wegen-volksverhetzung-xavier-naidoo-verstoert-mit-satanischen-versen-1926229.html)

[11] Detaillierte Dokumentationen der ressentimentgeleiteten Äußerungen und Vorfällen aus dem Umfeld der mittlerweile wie gesagt marginalisierten “Friedensmahnwachen” in Deutschland finden sich zum Beispiel auf der Seite “Friedensdemo-Watch” https://www.facebook.com/friedensdemowatch?fref=ts. Zur Beteiligung und Überschneidungen einiger “Linker” mit dieser “Friedensbewegung”, und deren Querfrontcharakter: http://www.heise.de/tp/artikel/41/41983/1.html.

[12] Vergleiche hierzu: http://www.die-linke.de/partei/organe/parteivorstand/parteivorstand-2014-2016/beschluesse/fuer-frieden-und-deeskalation-in-der-ukraine/

[13] Vergleiche hierzu: https://www.youtube.com/watch?v=PMMn8-f4sFc&list=UUZ1rJhydfQwSClJ_i6hkuIA

[14] Screenshot hier: https://www.facebook.com/friedensdemowatch/photos/a.644425858945007.1073741828.644416022279324/674878992566360/?type=1

[15] Siehe hierzu http://www.youtube.com/watch?v=GAZ8CU9m_JI

[16] Zu Graumann vgl: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2014-08/graumann-zentralrat-juden-antisemitismus Eine unvollständige Sammlung antisemitischer Vorfälle des letzten Sommers: https://www.facebook.com/DeutscheZustaende/posts/484303491705156?fref=nf

[17] Vergleiche hierzu: http://www.diether-dehm.de/index.php/positionen/aktions-unterstuetzung/915-jawohl-wir-sind-einseitig

[18] Vergleiche hierzu: http://www.youtube.com/watch?v=ikf-h6ThyKU (ca. Min. 4)

[19] Vergleiche hierzu: http://de.wikipedia.org/wiki/Diether_Dehm#SPD

Das #Toilettengate, DIE #LINKE und der Aufruf „Ihr sprecht nicht für uns“

15. November 2014

Die Tätlichkeiten in den Räumen der Bundestagsfraktion gegen Gregor Gysi und das uneinsichtige Verhalten der daran beteiligten Genoss*Innen haben ein neues Niveau der Auseinandersetzung in DIE LINKE offenbart.

Die Vorgeschichte

Die „Journalisten“ Max Blumenthal und David Sheen waren von Inge Höger und Anette Groth, die zum „Antizionistischen“ Flügel der Partei gehören, zu einem „Fachgespräch“ in den Bundestag eingeladen worden; dies war nötig, weil Gregor Gysi unterbunden hatte, dass im Namen der Fraktion und im Fraktionssitzungssaal der Linken getagt werden konnte. Die „Journalisten“ sind berüchtigt dafür, das sie bei ihren Auftritten „antisemitische Ressentiments bedienen und die Terrorherrschaft der Nazis durch Vergleiche mit der israelischen Regierung relativieren„.

Für die Abgeordneten Inge Höger und Anette Groth ist dies Augenscheinlich der Ausweis, um bei einem „Fachgespräch“ auftreten zu dürfen.

Nach dem „Fachgespräch“, an dem rund 60 Personen teilgenommen hatten, zog eine Gruppe, unter ihnen Inge Höger, Anette Groth, Heike Hänsel und Claudia Haydt, zum Büro von Gregor Gysi. Dort lauerten ihm Sheen und Blumenthal auf und verfolgten ihn bis auf die Bundestagstoilette.

Ein Video dieser Aktion, das vom „Journalisten“ Martin Lejeune gedreht wurde, ist auf Youtube abrufbar.

Martin Lejeune hatte bereits im August die „Erschießung von 18 Menschen durch die palästinensische Terrororganisation Hamas als „ganz legal“ und die finanzielle Versorgung der Hinterbliebenen der Opfer durch die Terroristen als „sehr sozial““ bewertet. Dass Menschen, die derartige Morde begrüßen, Gäste von Abgeordneten sind, ist sicherlich auch ein trauriges Novum in der Geschichte der Partei DIE LINKE.

Aber nicht nur diese Jagdszenen im Bundestag stellen eine Beschädigung der gesamten Partei dar.

Schon die Veranstaltung, die diesen Ereignissen vorausging, ist ein Skandal für sich.

Während des „Fachgesprächs“ wurde zu Boykottkampagnen gegen Israel aufgerufen und behauptet, der Zionismus habe sich zu einem weltweiten Rassismus entwickelt. Auch hätten Teilnehmer palästinensische Opfer der jüngsten militärischen Auseinandersetzung zwischen der Hamas und Israel als indirekte Opfer des Holocausts bezeichnet.

„Ihr sprecht nicht für uns“

Die Fraktion hat sich mit scharfen Worten von den Vorgängen distanziert, nachdem sich die beteiligten Genoss*Innen entschuldigt haben. In der Entschuldigung erklärten sie sich „persönlich schwer betroffen angesichts der Eskalation vor Gregor Gysis Büro“.

Die Betroffenheit hielt allerdings nicht lange. Auf der Webseite, auf der Inge Höger die Entschuldigung verlinkt wurde, war schon im einleitenden Text nicht mehr viel davon zu spüren.

So hat Inge Höger das übergriffige Verhalten ihrer Gäste Max Blumenthal und David Sheen so verharmlost: „Verschiedene Aktivist*Innen konfrontierten Gregor Gysi vor seinem Büro.

Da wird ein Mensch bedrängt und über die Gänge der Bundestagsfraktion gejagt. Eine Situation, „in der Gregor Gysi sich mit jemandem beschäftigen muss“, stellen sich die Meisten vermutlich anders vor.

Gegen diese Eskalation haben sich heute Dutzende führender Genoss*Innen mit der Erklärung „Ihr sprecht nicht für uns“ deutlich positioniert.

In der Erklärung wird nochmals das gesamte #Toilettengate rekapituliert und analysiert.

Die Unterzeichner*Innen des Aufrufs sind „beschämt über das Verhalten ihrer Genossinnen„, die einen „aufgeladenen Mob angeführt“ und nicht verhindert hätten, dass Gysi bedrängt und bedroht wurde. Groth, Hänsel, Höger und Haydt würden nicht die Ideale und Werte der Partei vertreten. Die Autoren der Erklärung greifen Max Blumenthal und David Sheen inhaltlich an und werfen ihnen vor, „unzulässige Vergleiche Israels mit der deutschen Nazidiktatur und den Terroristen des „Islamischen Staats“ zu ziehen“ Durch die Veranstaltung wurde obsessiver Hass auf den Staat Israel geschürt. Menschen in unserer Partei nutzen zur „Dämonisierung von Israel antisemitische Argumentationsmuster und befördern eine Relativierung des Holocausts und der deutschen Verantwortung für die millionenfache Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden.

Die unterzeichnenden Genoss*Innen sind es leid, dass antisemitische Haltungen und Handlungen wie die der Gäste der Genoss*Innen, in der Linken „immer wieder folgenlos bleiben, als Petitesse betrachtet werden“. Denn das, „so sind wir überzeugt, muss als Ermutigung verstanden werden, so weiter zu machen„.

Die Genoss*innen schließen ihren Aufruf mit den Worten: „Wir stellen klar: Annette Groth, Inge Höger, Heike Hänsel und Claudia Haydt sprechen nicht in unserem Namen. Wir fordern sie auf, daraus Konsequenzen zu ziehen.

Die Autor*Innen haben eindeutig recht, DIE LINKE muss endlich einen offenen Diskurs über Antisemitismus in den eigenen Reihen führen und allen Antisemiten und Antizionisten in der Partei konsequent Grenzen aufzeigen. [1]

Den Aufruf findet ihr hier: „Ihr sprecht nicht für uns!

Update

Die „Antikapitalistische Linke“ hat heute mit einem auf Facebook veröffentlichten „Einstimmigen Beschluss des Länderrats der Antikapitalistischen Linken (AKL) vom 15.11.2014“ auf „Ihr sprecht nicht für uns” geantwortet.

 

Quellen:

Herzlichen Dank für Korrektur, Kritik, Anregungen.

Dieser Post ist als mein Beitrag zu einer Diskussion innerhalb der Emanzipatorischen Linken (Ema.Li) entstanden.

[1] Ich gehe hier nicht so weit wie das Forum demokratischer Sozialismus Baden-Württemberg, das „DIE LINKE muss endlich einen offenen Diskurs über Antisemitismus in den eigenen Reihen führen und sich konsequent von Antisemiten und Antizionisten in der Partei trennen.“ fordert. http://fdsbw.wordpress.com/2014/11/12/stellungnahme-des-forum-demokratischer-sozialismus-baden-wurttemberg-zu-den-vorgangen-um-die-abgeordneten-groth-hoger-und-hansel/

„Antizionismus“ als Form des Antisemitismus und die Auseinandersetzung in Die #Linke

13. November 2014

Wenn einige Menschen, auch innerhalb DIE.LINKE und in ihrem Umfeld, über „den Zionismus“ reden, dann immer in einem Atemzug mit zu Worthülsen geronnenen Begriffen wie Rassismus, Faschismus, Islamophobie, Nationalismus, Kriegstreiberei, Apartheid, Bombenterror.

Annette Groth, Heike Hänsel und Inge Höger behauten immer und immer wieder „Israel Kritiker“, „Antizionisten“ zu sein. Gleichzeitig sind sie bereit, am 09. November eine Veranstaltung mit Menschen, die über Juden als „Judäo-Nazis“, über (Jüdische) Zionisten als „Zionazis“ reden, durchführen.

Sie sind, nach eigener aussage „Antizionisten“ und auf gar keinen Fall Antisemiten. Gleichzeitig Arbeiten sie mit Menschen zusammen, die das Vokabular, das Antisemiten seit Jahrhunderten über „den Juden an sich“ benutzen aufgreifen und mit den eingangs wiedergegebenen Worthülsen bunt Mischen. So geht es bei Demos „gegen Israel“ oft auch darum, das (Jüdische) Israelis Brunnenvergifter oder Kindsmörder seien und nicht zuletzt nach Weltherrschaft Streben.

Die Einladung von Blumenthal und Sheen zu Veranstaltungen rund um den Jahrestag der Pogromnacht war nichts anderes als ein weiterer Versuch, Israel zum neuen Nazistaat zu erklären und dieser antisemitischen Ungeheuerlichkeit mittels jüdischer Kronzeugen den Koscherstempel zu verleihen.“

Natürlich gibt es im Staat Israel unzweifelhaft Rassismus, Islamophobie, Nationalismus. Natürlich gibt es Kriegstreiber und, unsäglich aber wahr, Faschisten. Eine Linke Analyse des Staates Israel wird dies alles weder leugnen noch wegreden. Aber: Sie wird dies so behandeln wie Rassismus, Islamophobie, Nationalismus in jedem anderen Staat der Welt. Dies alles gehört zur Traurigen Realität Menschlichen Lebens. All dies Bekämpfen wir, wo es auftritt.

Nur: wenn eines bei bestimmten Menschen die rhetorische Frage „Welches Land hasst du am meisten?“ stellen würde, die Antwort recht eindeutig „Israel“ lauten würde. Das ist so, weil das Bild aus der Vergangenheit, als Juden als der Satan und schuldig an allem Bösen der Welt beschrieben wurden, fortbesteht. Es wird heute nur auf den Staat Israel projiziert.

Seit dem Holocaust liegt die Latte für Antisemitismus in Deutschland zum einen sehr hoch, zum anderen ist der Begriff offenbar für sehr viele Menschen untrennbar mit Nazis und der Shoah verbunden. Dass antisemitisches Denken nicht erst anfängt, wenn die Schornsteine rauchen, sondern dass es sich zumeist um ein Welterklärungsmuster für Denkfaule und Ideologen handelt, scheint immer noch eine geradezu absurde Idee zu sein.

Antizionisten“

Eins könnte sagen: „„Antizionisten“ projizieren alles Negative und Schlechte in der Welt auf „den Zionismus““.

Über ihre Gründe kann eins nur spekulieren. Anzunehmen ist jedoch, dass sie antisemitische Ideologien oder zumindest ihre Fragmente zutiefst verinnerlicht haben. Zum anderen sind sie so gefangen in ihrem Hass auf alles Jüdische, und dies ist der Zionismus ja letztendlich auch, dass sie Aussagen wie “Der Zionismus ist in der gleichen braunen Suppe entstanden wie der Nationalsozialismus.” tätigen oder Sätze formulieren wie: „Das Judentum lässt sich nationalsozialistisch interpretieren.” [1]

Diese Sätze lassen einen erstarren, denn aus ihnen strömen die Vorurteile wie aus einem lecken Fass. Zugleich sind sie archetypisch für das Denken von „Antizionisten“.

Daniel Goldhagen schreibt über diesen gewandelten Antisemitismus: „Die Symbolik des globalisierten Antisemitismus ist neu. In der antisemitischen Imagination wurde Shylock durch die Figur des Rambo-Juden verdrängt. Der mit List und Heimtücke andere ins Verderben treibende Jude der ersten Phase des Antisemitismus hat sich jetzt mit militärischer und politischer Macht ausgestattet

Der Versuch, den „Antizionismus“ als etwas anderes als dem Antisemitismus wesensgleich erscheinen zu lassen wird durch die Behauptung betrieben, „dass dem „Antizionismus“ kein Hass auf Juden innewohne, dass er sich lediglich auf die Feindschaft gegen Israel beschränkt. Hierzu wird Antisemitismus als etwas, das untrennbar mit dem Christentum verwoben ist, umdefiniert.

Antisemitismus ist aber mehr als die bloße Feindschaft gegen Juden und daher nicht zu verwechseln mit dem vormodernen christlichen Antijudaismus. „Der Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden”, wie Adorno in den “Minima Moralia” geschrieben hat.

Antisemitismus ist mehr als die Feindschaft gegen Juden

Antisemitismus selbst ist eine Form des Aufbegehrens gegen die Moderne. Jean-Paul Sartre beschrieb „Antisemiten als Personen, die sich vor den Chancen, Risiken und Veränderungen der modernen Gesellschaft fürchteten und – statt der Vernunft und dem (kritischen) Denken – den Hass, die Irrationalität und den Konformismus zum leitenden Motiv ihrer Handlungen machten. Anstatt also die Welt zum Besseren zu verändern, projizieren sie das Schlechte auf (vermeintliche) Juden.

Sartres Beschreibung des Antisemiten, der sich von Konformismus und Irrationalität leiten lässt, passt auf erschreckende Weise zu Menschen, die sich als „Antizionisten“ verstehen: „Anstatt die komplexen Veränderungen der globalisierten Welt nachzuvollziehen, beschränken sie sich auf ein simples Freund-Feind-Schema. Israel wird zur Verkörperung des Bösen in der Welt, „die Palästinenser“ zum absolut Guten und Edlen.

Der Staat Israel gilt „Antizionisten“ einerseits als „kollektiver Jude“, andererseits aber auch als „Jude unter den Staaten“(Léon Poliakov ) [5]. Jean Améry hat bereits 1969 erkannt, dass Antisemitismus im Antizionismus enthalten sei „wie das Gewitter in der Wolke“ und bezeichnete den „Antizionismus“ als „ehrbaren Antisemitismus“.

Sich als „Antizionisten“ verstehende Menschen, entblöden sich nicht, zu behaupten, ein „semitisches Volk“ wie „die Araber“ könne quasi aus seiner „Natur und Rasse“ heraus nicht antisemitisch agieren.

Dies zeugt nicht nur von rassistischem Denken, da es behauptet, Denkstrukturen seien durch die Zugehörigkeit zu einer „Rasse“ vorgegeben. Es negiert auch die historische Tatsache, dass Antisemitismus sich immer und überall gegen Juden gerichtet hat, niemals aber gegen die später im „rassentheoretischen“ Diskurs als semitisch definierten Araber.

Das antijüdische Ressentiment

„Das antijüdische Ressentiment ist seit Jahrhunderten eingewebt in die (europäische) Geschichte. Vom religiösen Antijudaismus wandelte es sich, in Folge der Aufklärung des religiösen Überbaus entkleidet, zur puren Ideologie.

Als mit der Shoa der radikalste Ausdruck des Antisemitismus seine mörderischen Dimensionen offenbarte, verschwand das Ressentiment nicht, sondern feierte, unter neuen Namen und in anderer Umgebung, fröhlich sein Wiedererstarken.“

Auch der in der Unterdrückung und Rechtlosigkeit entwickelte Gedanke des Zionismus, in einem eigenen Staat seien die Juden geschützt und das Thema Antisemitismus würde sich außerhalb dieses Staates, durch ihre Abwesenheit in anderen Nationen von selber erledigen, hat sich als Irrtum erwiesen.

Flohen Juden vor dem Antisemitismus nach Palästina und gründeten Israel, so hat sie das antijüdische Vorurteil im Zuge des israelisch-arabischen Konfliktes schließlich eingeholt. Dass Antisemitismus, getarnt als „Antizionismus“ zur Waffe im Arsenal der politischen Gegner Israels geworden ist, ist längst nichts Neues mehr.

Seine aus Europa importierten Stereotypen, Schriften und Funktionsweisen kehren in der Nahöstlichen Propaganda wieder und feiern, unter dem Label „Antizionismus“, unglaubliche Erfolge: von der Ritualmordlegende über die „Protokolle der Weisen von Zion“ bis zu Hitlers „Mein Kampf“ und den revisionistischen Schriften Ingrid Weckerts, [1] Robert Faurissons, Ernst Zündels, Fred A. Leuchters, David Irvings, Germar Rudolfs oder auch Ernst Noltes [2].

Die Wiedergeburt des Antisemitismus im Nahen Osten

Der Erfolg des sich „Antizionismus“ nennenden Antisemitismus im Nahen Osten macht deutlich, dass der antisemitische Diskurs über religiöse, kulturelle und geographische Grenzen hinweg transferierbar ist.

Eine Gleichsetzung zwischen der europäischen Tradition des Antisemitismus und seiner „nahöstlichen“ Erscheinungsform wäre jedoch unangemessen und zu kurz gedacht.

Hinzu kommt, dass die Rede von der „islamischen Welt“ von einem eurozentristischen Standpunkt aus schnell selbst zum rassistischen Vorurteil wird.

Eine Analyse von europäischem und nahöstlichem Antisemitismus muss Analogien benennen und Differenzen wahrnehmen können.

Im Gegensatz zu den spezifisch europäischen antisemitischen Phantasien von „Gottesmord“, „Kinderermordung“, „Brunnenvergiftung“, „Pestverbreitung“ oder „Hostienschändung“ sind die nahöstlichen Stereotype anders strukturiert.

Antisemitismus bedarf, für seine Verbreitung, keiner rationalen Bestätigung, denn er kommt ohne Juden aus.

Die Existenz des Nahostkonflikts hat aber bei seiner Verbreitung in der arabischen Welt als Vehikel fungiert und antisemitischen Phantasien Vorschub geleistet.  Vor diesem Hintergrund ist erklärbar, warum, anders als im christlichen Europa, Antisemitismus als Massenphänomen im arabischen Raum erst in den letzten Jahrzehnten relevant geworden ist.

Unterschiede zwischen der christlich-jüdischen und der islamisch-jüdischen Geschichte

Im Gegensatz zur christlich-jüdischen war die islamisch-jüdische Geschichte lange Zeit durch eine enge und weitgehend friedliche Verbindung geprägt. Islamwissenschaftler sprechen von einer „klassischen Epoche“ bis zu den Kreuzzügen und später, als Reaktion auf die christliche Dominanz, sogar von einer jüdisch-islamischen Symbiose.

Der Umstand, dass die großen sephardischen Gemeinden in der arabischen Welt in den zionistischen Debatten kaum eine Rolle spielten, resultierte aus dieser Realität in den moslemischen Ländern .

Natürlich war das „goldene Zeitalter“ von Islam und Judentum keineswegs golden und konfliktfrei, die Konflikte und Repressionen unter islamischer Herrschaft hatten aber eine deutlich andere Qualität als unter christlicher Führung.

Im Abendland zeigte sich schon früh eine andere Realität.

Antijüdische Exzesse des Christentums, wie die Vertreibung ganzer Gemeinden, Zwangstaufen und Konvertitenverfolgungen, finden kaum Entsprechung im jüdisch-moslemischen Verhältnis. Auch war die Religionspolitik der Osmanen wesentlich toleranter als die der christlichen Mächte.

Trotz einer vergleichsweise aggressiven Missionshaltung des Islam und judenfeindlichen Passagen im Koran, war ein sich über Jahrhunderte erhaltender und zyklisch modernisierender Judenhass, im Gegensatz zum Christentum, kein Merkmal nahöstlicher Gesellschaften.

Dieser trat erst nach der Auflösung des Osmanischen Reiches und infolge der Panarabischen Bestrebungen auf den Plan. Und war, da „Antizionismus“ vom dem Palästinenserführer und Großmuftis von Jerusalem Amin el-Husseinis als Chiffre für generellen Judenhass verwendet wurde, extrem erfolgreich. So kam es bereits 1929 mit dem Pogrom von Hebron, einer jahrhundertealten jüdischen, nichtzionistischen, Siedlung, zum ersten antisemitischen Pogrom im Nahen Osten überhaupt. Die Folge des von „Antizionisten“ durchgeführten Pogroms war die vollständige Vertreibung aller Juden aus Hebron. Dies war, in den Augen der der Antisemiten im antizionistischen Gewand, der erste Schritt hin zu dem Ziel, den Nahen Osten „judenrein“ zu machen.

Die Entwicklung eines spezifischen nahöstlichen Antisemitismus

In der Phase der Kollaboration von Arabern mit NS-Deutschland, insbesondere der von Amin el-Husseinis, war der ideologische Einfluss des Antisemitismus offensichtlich. Der Antisemitismus stellte eine ideologische Brücke zwischen den strategischen Interessen der Nazis und dem Unabhängigkeitsstreben der Araber dar, er war der Kitt für das Bündnis.  Die „Islamisierung des Antisemitismus“, von Gefolgsleuten Hitlers wie Amin el-Husseinis im Nahen Osten forciert, trat wurde aber erst in den letzten 50 Jahren ein bestimmendes Moment. Und zwar im Schatten des Aufstiegs der Muslimbruderschaft zu einem innenpolitischen Faktor in den arabischen Staaten.

Der islamische Fundamentalismus in Palästina, in dem die Hamas die stärkste Fraktion bildet, versteht sich als Bewegung, die sich gegen die „Weltherrschaft des Judentums“ wendet. Und um alle Zweifel auszuräumen, wer der Gegner der Hamas ist, widmet sich der gesamte Artikel 22 ihrer Charta der detaillierten Aufführung herbeiphantasierter angeblicher „jüdischer Bosheiten“.

Der Kampf der Hamas ist nicht alleine auf Israel beschränkt, sondern richtet sich gegen Juden überall in der Welt. Das bedeutet zugleich, dass dieser Kampf so lange weitergeht, bis nicht nur Israel, sondern das Judentum als Ganzes nicht mehr existiert. Dies geht aus Artikel 7 der Charta hervor. „Die Stunde des Gerichtes wird nicht kommen, bevor Muslime nicht die Juden bekämpfen und töten, so dass sich die Juden hinter Bäumen und Steinen verstecken und jeder Baum und Stein wird sagen: ‚Oh Muslim, oh Diener Allahs, ein Jude ist hinter mir, komm und töte ihn!‘

Das antisemitische Gift des „Antizionismus“

Antizionismus“ als Spielart des Antisemitismus dient dazu, in einer komplexen Welt die Unübersichtlichkeit und die damit einhergehenden Identitätskrisen auf einen Sündenbock abzuwälzen, anstatt sich der Komplexität der Welt zu stellen. Sich „Antizionisten“ nennende Antisemiten sind sich mit allen anderen antisemitischen Spielarten einig in ihrem Hass auf alles Jüdische und der Suche nach einfachen Antworten auf schwierige Fragen.

Ihre Antwort auf die Frage nach der Lösung der Probleme der Welt ist schlicht die Forderung nach der Beseitigung des Staates Israel.

Über Menschen, die so denken, hat Felix Bartels geschrieben: „Die Definition des Antizionismus ist ziemlich einfach. Antizionismus ist die Überzeugung, dass jedes Volk der Welt das Recht auf einen eigenen und souveränen Nationalstaat hat, mit Ausnahme des jüdischen. Der Antizionismus ist kein Antinationalismus, sondern eben allein und ausschließlich gegen den jüdischen Nationalismus gerichtet“. „Antizionisten“ fordern selbstverständlich nicht die Abschaffung der Bundesrepublik, Frankreichs, Irans oder Libyens.

Während für die meisten Antizionisten feststeht, dass Juden weder ein Volk noch eine Nation sind, reden sie andererseits vom „Recht auf Boden” für das „palästinensische Volk“. In der antizionistischen Propaganda sind es nicht die Menschen die befreit werden müssen, sondern es ist der palästinensische Boden, der von den ungläubigen Juden „gereinigt” werden muss.

Felix Bartels meint zu Recht: „Ein vernunftbegabter Mensch redet mit Antizionisten wie der Arzt mit seinen Patienten. Es ist mehr ein Reden zum Zwecke der Anschauung. Die eigentliche Überlegung findet später statt. Übrigens ist es ethisch durchaus vertretbar, Antizionisten, wenn eins schon mit ihnen redet, auf eine Couch zu setzen und Geld nach Stunden zu nehmen.“

Das Problem jedoch ist, dass das Gift des sich „Antizionismus“ nennenden Antisemitismus Breitenwirkung entfaltet. Laut einer Studie der Fakultät für Erziehungswissenschaft am Institut für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld positionierten sich im Jahre 2011 63 % der Deutschen negativ gegenüber Israel, weil es jeden Deutschen alleine durch seine Existenz an Auschwitz und Majdanek, an Treblinka und Sobibor erinnert.

Mit der Aussage „Es gibt […] gewiß keine geborenen Antisemiten“  hat Adorno Recht. Antisemiten eignen sich diese Ideologie an. „Antizionisten“ auch, nur wollen sie in ihm ihren Antisemitismus tarnen.

Nach Auschwitz sollte aber jedem sehenden Menschen klar sein, dass durch jeden Antisemitismus die Vernichtungsdrohung hindurchscheint. Wer im Wissen um die Geschichte der Shoa Antisemitismus verharmlost oder Antisemiten in Schutz nimmt, duldet die ihm innewohnende Vernichtungsdrohung. Und darum gilt es, dem antisemitischen Gift des „Antizionismus“, egal ob er in seiner europäischen oder in seiner nahöstlichen Form auftritt, das Gegengift der Aufklärung entgegenzusetzen.

 

Quellen:

Der vorliegende Beitrag beruht auf der Überarbeitung eines am 05.11.2013 veröffentlichten.

Herzlichen Dank an viele für Korrektur, Kritik, Anregungen.

Dieser Post ist als mein Beitrag zu einer Diskussion innerhalb der Emanzipatorischen Linken (Ema.Li) entstanden.

[1] Ingrid Weckert, Feuerzeichen. Die Reichskristallnacht. Anstifter und Brandstifter – Opfer und Nutznießer, Grabert-Verlag, Tübingen 1981 sowie Ingrid Weckert http://de.wikipedia.org/wiki/Ingrid_Weckert

[2] Ernst Nolte Der europäische Bürgerkrieg 1917-1945.Nationalsozialismus und Bolschewismus Herbig Verlag, 5. Auflage München 1997 sowie Europäischer Bürgerkrieg

Israelkritik, „Antizionismus“ und Antisemitismus

11. November 2014

Tl;dr Warum Israelkritik wenn sie wie die Kritik an z.B. Russlands daherkommt legitim und richtig ist,  warum „Antizionismus“,  besonders wenn er Bilder von „Zionazis“ aufbaut und die Behauptung „dass Zionisten nach Weltherrschaft streben“ verbreitet schlicht Antisemitismus ist und warum Antisemitismus nichts überwundenes ist, auch wenn es sich „Antizionisten“ nennende Antisemiten immer wieder behaupten.

 Hamas oder andere Antisemiten

Es gibt Tage, da habe ich das Gefühl, wenn ich die rhetorische Frage „Welches Land hasst du am meisten?“ stellen würde, die Antwort recht eindeutig „Israel“ lauten würde.

Das ist so, weil das Bild aus der Vergangenheit, als Juden als der Satan und schuldig an allem Bösen der Welt beschrieben wurden, fortbesteht. Es wird heute nur auf den Staat Israel projiziert.

Wenn die Hamas oder andere Antisemiten den Staat Israel, wie seit Jahren, täglich mit Raketen angreifen, so ist der Schuldige für viele sofort klar: „Israel“. Diese Einstellung zeigt allerdings nur, dass viel zu viele Menschen eine Meinung zum Staat Israel haben, die zu einhundert Prozent aus Gerüchten, Bauchgefühl und Ressentiments bestehen. Und Gerüchte, Bauchgefühl und Ressentiments sind zumindest eng verknüpft mit diesem Antisemitismus, der ja angeblich eine Keule ist.

Wer schwingt die eigentlich? „Der Jude“ selbst? Oder seine Handlanger?

Kommen wir aber zur Israelkritik. Jeder Mensch hat das uneingeschränkte Recht, den Staat Israel zu kritisieren, solange dabei keine Vorurteile reproduziert werden.

Wo ist das Problem mit der Kritik an Israel? Ich halte manche israelischen Politiker, auch Regierungspolitiker, für Spinner. Nennt mich jetzt jemand „Antisemit”? Sicher nicht. Dass man Israel nicht kritisieren darf, ist ein Mythos. Man kann seine Regierung so kritisieren wie die jedes anderes Landes. Allerdings sollte man Israel auch so kritisieren wie jedes andere Land.

Ich frage mich schon lange, warum ausgerechnet von der Bundesrepublik aus so verdammt häufig „Israel kritisiert“ werden muss, während die kritischen Stimmen zu Italien, Frankreich, England, Ungarn oder Gaza, um nur einige zu nennen, lange nicht die Lautstärke annehmen, obwohl es da ja auch so einiges zu kritisieren gäbe.

Einige werden jetzt sagen, dass man eben Prioritäten setzen muss. Sicher, man kann sich nicht um alles kümmern. Aber warum so viele Leute in der Bundesrepublik offenbar die Empfindung haben, dass ein Tag, an dem sie nicht „Israel kritisiert“ haben, ein verlorener ist, erstaunt schon ein wenig. Oder eben nicht, je nachdem wie man das sieht.

Bezeichnend für manche Kritik an Israel ist es oftmals, Analogien zwischen dem Nationalsozialismus und dem Staate Israel zu konstruieren.

Analogien zwischen dem Nationalsozialismus und Israel konstruieren

Mensch könnte es auch so sehen: Die Gleichsetzung Israels mit dem Nationalsozialismus ist verlockend. Die deutsche Vergangenheit wird bestens entsorgt, indem die unschuldigen Opfer der Vergangenheit zu den schuldigen Nazi-Tätern der Gegenwart erklärt werden, gegen die mit allen gebotenen Mitteln vorgegangen werden müsse.

Sich „Antizionisten“ nennende Antisemiten leisten dabei Pionierarbeit. Sie werfen Israel einen „Holocaust“ und eine „Endlösung der Palästinenserfrage“ vor oder fantasieren von Konzentrationslagern in Gaza. Viele endeten folgerichtig bei der Forderung: „Israel muss weg!“ 
Jan Amery schrieb über sich  „Antizionisten“ nennende Antisemiten „Die Allianz des antisemitischen Spießer-Stammtisches mit den Barrikaden ist wider die Natur, Sünde wider den Geist, um in der vom Thema erzwungenen Terminologie zu bleiben, Leute wie der polnische General Moçzar können sich die Umfälschung des kruden Antisemitismus zum aktuellen Anti-Israelismus gestatten Die Linke muß redlicher sein, Es gibt keinen ehrbaren Antisemitismus.

Wie sagte Sartre vor Jahr und Tag in seinen „Überlegungen zur Judenfrage“? „Was der Antisemit wünscht und vorbereitet, ist der Tod des Juden.““ Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. 

Reichlich daneben finde ich es, die Shoa als Zeugen für die eigene Meinung zu bringen. Die Opfer der Shoa wurden nicht Opfer, weil sie etwas getan oder nicht getan hatten, sondern weil sie aus ideologischen Gründen zu Nichtmenschen erklärt wurden, für die allgemeingültige Maßstäbe nicht mehr gelten. Und der Großteil der Deutschen fand das offenbar auch ganz in Ordnung, wenn man z. B. die Geschwindigkeit beachtet, mit der sich Behörden, Universitäten, Privatfirmen und Vereine stolz „judenfrei“ erklärten.

klammheimliches Einverständnis

Das Problem war genau betrachtet also womöglich nicht so sehr, dass es so wenig heldenhaften Widerstand, sondern dass so viel klammheimliches Einverständnis gab. Dieser Aspekt wurde m. E. bei der „Bewältigung der Vergangenheit“ zu wenig beachtet. Und ich frage mich nun, ob das auf irgendeine Art mit dem dringenden Bedürfnis zusammen hängt, auf jede mögliche und oftmals unmögliche Art Israel „zu kritisieren“.

Wegen dieses Spannungsverhältnisses eignet sich der Nahostkonflikt als Projektionsfläche. Hier kann mit moralischen Ausschließlichkeiten und Gewissheiten von Recht und Unrecht operiert werden, die auf anderen Konfliktfeldern fehlen.

Das liegt daran, dass der Nahostkonflikt nicht ohne die Shoa behandelt, aber auch nicht auf diese reduziert werden kann. Das erhöht die moralische Fallhöhe und damit die Möglichkeit, ein positives eigenes Selbstbild in Abgrenzung vom politischen Gegenüber zu erwerben.

Kaum ein anderes Thema ist geeignet, meist völlig konsequenzlos sein Gegenüber als Rassisten, als Menschenrechtsverletzer, als Holocaustrelativierer und Bombenbauer, als Terrorist, oder als Kriegstreiber zu bezeichnen.

Wo sonst lässt sich so einfach bildlich dargestellt das gesammelte Unrecht der anderen Seite, ob als steinewerfende Flüchtlingslager, Kinder gegen israelische Panzer oder aber Attentatsopfer in belebten Innenstädten, zusammenfassen?

Bilder dieser Art sollen nicht aufklären, sondern sind schlicht dumpfe Propaganda.

Es werden weitere strittige Felder mitverhandelt

Aktuell werden am Nahostkonflikt und an der Frage der Haltung zur Existenz eines israelischen, also explizit jüdischen Staates, weitere strittige Felder mitverhandelt: Erstens die Frage der Faschismusanalyse und zweitens die Frage der Demokratieanalyse.

Diese Fragen haben mit israelisch-palästinensischen Lebensrealitäten wenig zu tun.

Ein Indiz ist, dass bei der Diskussion über den Nahostkonflikt häufig innenpolitische Argumente eingeführt werden.

Auch die Frage der Analyse des Nationalsozialismus wird häufig in den Nahen Osten verlegt. Statt den Nahen Osten in den Kategorien Deutschlands in den 1930er und 1940er Jahren zu analysieren, sollte vielmehr kritisch geprüft werden, wo es um politische Kämpfe und wo um die Verhandlung der eigenen Familiengeschichte geht. Weder Israelis noch PalästinenserInnen sind die „neuen Nazis“.

Oftmals ist das dringende Bedürfnis Israel „zu kritisieren“ genährt von Antisemitismus. Antisemitismus ist zuerst und einzig die Feindschaft gegenüber Jüdinnen und Juden und vermeintlichen Jüdinnen und Juden. Antisemitismus sieht in der Existenz der Juden, ob religiös, kulturell, biologisch oder geografisch begründet, die Ursache von gesellschaftlichen Problemen. Als Weltbild mit Welterklärungsanspruch lässt sich Antisemitismus aber nicht auf die Diskriminierung von jüdischen Menschen beschränken.

Unterschied zwischen Oppositionellen in Gaza und in Israel

Eines scheint mir in der Diskussion immer wieder unterzugehen: die schärfsten Kritiker der israelischen Regierung leben selbst in Israel. Aber den Unterschied zwischen Oppositionellen in Gaza und in Israel scheinen die meisten Israelkritiker offensichtlich nicht zu kennen. Nur zu ihrer Erinnerung: In Israel sitzen Kritiker der Regierung im Parlament und in Gaza im Gefängnis.

Nur einen Nebensatz noch zum Gerede von der Apartheid in Israel: Das Verhältnis der arabischen Bürger zum Staat Israel ist häufig von Spannungen belastet. Dies muss man aber sicher im Kontext der Beziehungen zwischen Minderheiten und staatlichen Organen weltweit gesehen werden. Apartheid ist ein Konstrukt, bei dem strikte Rassentrennung herrscht. In der Republik Südafrika, wo sie jahrzehntelang Staatsdoktrin war, wurde sie massiv und brutal durchgesetzt.

Der schwarzen Bevölkerung wurden alle Menschenrechte genommen und sie waren nicht für mehr als zur Arbeit gut! In dem herbeiphantasierten „Apartheids-Staat“ Israel saßen schon immer Araber in der Knesset. Im Augenblick sind es übrigens 13 von 120. Seit 2004 ist es so, dass im Aufsichtsrat jedes staatlichen Unternehmens mindestens ein arabischer Israeli vertreten sein muss.

Richtig ist allerdings auch, dass es die Diskriminierung arabischer Israelis definitiv gibt! Es ist unumstritten, dass die arabischen Bürger Israels Diskriminierung als Araber erleben! Nur: dies ist keine Apartheid, sondern Rassismus!

Israel ist eine parlamentarische Demokratie und ein Rechtsstaat. Es ist ein beachtlicher Unterschied ob ein demokratischer Staat Demokratiedefizite mit unterschiedlichen Hürden zum Rechtssystem und zum Wahlrecht aufweist oder ob es sich um eine diktatorischen Staat mit repressiver Willkür handelt. Dies gilt zumindest für israelische Staatsbürger und Menschen im israelischen Staatsgebiet und zwar auch für arabische Israelis und Menschen ohne israelische Staatsbürgerschaft in Israel.

Angekündigter Massenmord an Juden und Jüdinnen

Wer jetzt damit kommt – „aber die besetzten Gebiete“ -, der sollte auch daran denken, dass dort Organisationen und Parteien daran arbeiten, „die Juden“ ins Meer zu treiben. Das in Gaza eine Organisation herscht, die in ihrer Gründungscharta zur vollständigen vernichtung der Juden überall auf der Welt aufruft.[1]

Auch wer Nationalstaaten und Militarismus grundsätzlich ablehnt, muss die Frage beantworten, wie ein offen angekündigter Massenmord an Juden und Jüdinnen sowie an Menschen, die dafür gehalten werden, verhindert werden soll. Wer diese Frage nicht beantwortet aber der Existenzberechtigung des Staates Israel dennoch in Frage stellt, macht sich zumindest zum verbalen Helfer eines geplanten Völkermords.

Warum aber sind Israel und die USA Feindbild Nummer eins und zwei bei vielen vermeintlichen Kritikern und Kritikerinnen, während zu Menschenrechtsverletzungen in vielen anderen Staaten nicht einmal halb so laut gerufen wird oder die Kritik gleich ganz ausbleibt? Ist dies nicht bereits ein Hinweis auf die unterschwellig vorhandenen antisemitischen Klischees, die sich auf Israel zuspitzen?

Abschließend: wer die Regierung des Staates Israel kritisiert, tut etwas, das Bürger des Staates Israel täglich tun. Wer dies tut, wird damit nicht automatisch zum Antisemiten.[2] Wer jedoch die Kritik an der Regierung auf den Staat Israel in seiner Gesamtheit und seiner Existenz im Besonderen ausdehnt, scheidet als Diskussionspartner aus.[3]

 

Danksagungen und Anmerkungen

[1] „„Die Stunde des Gerichtes wird nicht kommen, bevor Muslime nicht die Juden bekämpfen und töten, so dass sich die Juden hinter Bäumen und Steinen verstecken und jeder Baum und Stein wird sagen: ‚Oh Muslim, oh Diener Allahs, ein Jude ist hinter mir, komm und töte ihn!’““, zitiert nach Die Hamas

Und um alle Zweifel auszuräumen, widmet sich der gesamte Artikel 22 der detaillierten Aufführung jüdischer Bosheiten.

Gemäss der Hamas sind die Juden verantwortlich für alle Missstände der modernen Gesellschaft: die Französische Revolution, die Kommunistische Revolution, die Gründung von Geheimgesellschaften, die ihnen helfen sollten, die Weltherrschaft mit geheimen Mitteln zu erreichen. Sie kontrollieren die Wirtschaft, die Presse und das Fernsehen. Sie sind verantwortlich für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges, den sie initiiert haben, um das muslimische Kalifat (das Osmanische Reich) zu zerstören, die Balfour-Erklärung zur Gründung eines jüdischen Staates zu erhalten und den Völkerbund zu schaffen, der die Gründung ihres Staates umsetzen sollte.

Auch den Zweiten Weltkrieg haben sie initiiert, um ein Vermögen durch den Verkauf von Kriegsmaterial zu verdienen. Sie nutzen sowohl den Kapitalismus als auch den Kommunismus als ihre Komplizen.

Hört sich das bekannt an? Ja, einige dieser Punkte stammen in der Tat direkt aus dem antisemitischen Pamphlet „Die Protokolle der Weisen von Zion“. Andere Passagen, insbesondere diejenigen, die die Weltkriege betreffen, sind eine Erfindung der Hamas selber.

[2] Zusätzlich möchte ich, auf einen lieben Rat hin, auf die 3-D hinweisen, an denen Antisemitismus erkannt werden kann. http://www.hagalil.com/antisemitismus/europa/sharansky.htm

[73 Eine Äußerung wie „Israel ist Böse“ ist übrigens nichts, was darunter fällt. „Böse“ ist eine moralische Kategorie, die zum Guten in einem antagonistischen Verhältnis steht. Zur Politischen Kritik wird diese Kategorie erst, wenn das „Gute“ definiert wird.

Wer schreibt „Israel ist Böse“ und gleichzeitig schreibt „Hamas ist Gut“ bezieht Stellung und wertet. Böse“ ohne Definition von „Gut“ ist nichts, sonder Plakatives Moralisieren ohne Politischen Anspruch. Siehe weiter :Das Böse

Eine Demonstration in Essen und ein trauriger Tag für Deutschland.

18. Juli 2014

Tl;dr warum es erschütternd ist, das der antisemitische Mob marschiert und wir froh sein müssen, das keine Synagoge gebrannt hat

content warning: Enthält Zitate Antisemitischer Sprüche;

Nach einer abgebrochenen Pro-Palästina-Kundgebung der Linksjugend Solid Ruhr sind mehrere hundert Teilnehmer zu einer Demonstration vor dem Essener Hauptbahnhof gezogen, um die Kundgebung „Gegen Antizionismus und Terror“ zu stören. Eine zweite Demonstration zog in Richtung Alte Synagoge.
(mehr …)

Die Piratenpartei und ein Jüdisches Museum in Köln

16. Februar 2013

Heute haben viele Mitglieder der Piratenpartei sich über eine Entscheidung des Kreisverbands Köln der Piratenpartei empört.

Grund war ein Artikel in der Taz. In diesem Artikel geht es um die Frage, ob in Köln eine Archäologische Zone und ein jüdisches Museum entstehen soll.[1]

Über zwei Absätze hinweg werden penibel die Gegner des Projekts aufgezählt. Dies sind, neben den Freien Wählern und der CDU auch eine Bürgerinitiative. Zu den Gegner gehört auch, wen wundert es, die rechte ProBewegung.

Die Piratenpartei Köln fordert ein Moratorium

Auch die Piratenpartei Köln gehört zu den Befürwortern eines Moratoriums.Dies widerum kann nicht wirklich verwundern, ist die Finanzierung des Projekts doch Intransparent und seit zehn Jahren umstritten.

Vor mehr als zehn Jahren wollte ein privater Förderverein das Jüdische Museum bauen. Von 16 Millionen Euro an Kosten war die Rede.

Zur Zeit liegen die Schätzungen über den Finanzbedarf beim Bau bei ca. 50 Millionen.[2]

Zu den ins Feld geführten Vorstellungen von Kommunalpolitikern gehört, zu behaupten, dieses Museum werde bis zu einer Million Besucher zusätzlich nach Köln locken. [3]

Das Jüdische Museum in Berlin verzeichnete im Jahr 2011 720.000 Besucher[4]. Köln schlägt die Hauptstadt mit einem Museum ohne Konzept? Der Kölner Kulturdezernent sieht das ähnlich und vertritt die Position, das mit ca. 350.000 Besuchern zu rechnen ist.[5]

Fakten, die für die Twitterschlacht uninteressant sind

Soviel zu den Fakten, die in der heutigen Twitterschlacht keine Rolle gespielt haben.

Wegen einer ähnlichen Faktenklage, was die Kostensteigerungen betrifft, haben wir Stuttgart21 abgelehnt. Bei einer ähnlichen Faktenlage lehnen wir die Elbphilharmonie in Hamburg und ähnliches ab.

Und die Kölner haben ja gar nichts abgelehnt. Sie haben ein „ein Moratorium aller Kölner Großprojekte“ gefordert. [6]

Und die Kölner haben in ihrem Beschluss das „Jüdische Museum“ nicht erwähnt.[6]

Die Kölner haben sich einem Appell angeschlossen, dessen Initiatoren teilweise ein „Jüdische Museum“ explizit ablehnen [7]. Das ist fatal.

Die Kölner haben sich einem Appell angeschlossen, der etwas anderes als ihr Beschluss aussagt

Machen die Mitglieder der Piratenpartei oft, weil sie inhaltlich nicht vernetzt denken.

Auf dem ungeeigneten Mittel der Welt, Twitter, um solche Diskussionen zu führen, wurden Begriffe wie Ablehnung, Türöffner für Antisemitismus , fehlerhafte Entscheidung zu Kampfbegriffen.

Es wurde unterstellt, das das Verlinken der Webseiten der Projektgegner und ihrer Petition impliziert, das der KV-Köln der Piratenpartei das Jüdische Museum ablehnt.

Wie blöde. Wenn ich etwas verlinke, dann mache ich mir dessen Aussagen nicht zu eigen.

Bevor ich weiterschreibe tue ich das, was man als Pirat neuerdings tun muss: ein Bekenntnis anlegen. Ich bekenne, dass ich den Museumsbau für alternativlos halte.

Die Kölnische Jüdische Gemeinde ist ein unglaublich wichtiger Teil der Kölner Geschichte. Nur als Beispiel: vor den Judenprogromen der Kreuzzüge waren die jüdischen Synagogen an Zahl und Größe den christlichen Kirchen ebenbürtig.Es gab Zeiten, da war Köln eines der intellektuellen Zentren des Judentums in West-Europa.

Die Nazis haben versucht, das vergessen zu machen.

Wir müssen, weil es Teil der Geschichte und Kultur von uns allen ist, die Erinnerung daran bewahren und fördern. So wie wir es in Köln auch mit dem Römisch Germanischen Museum tun.

Nach dem Bekenntnis wieder zur Politik: @tarzun hat recht, wenn er schreibt, dass, wenn ich eine Antisemitismus-Debatte an der Backe habe, meine Worte klug wählen muss.

Der KV Köln der Piratenpartei hat es mit Neutralität versucht, was scheitern musste.

Neutralität die scheitern musste.

Ihr Beschluss sprach das Jüdische Museum nicht an, was, in der Situation des KV-Köln der Piratenpartei am 14. Januar schlicht falsch war. Es ist geschehen. Müssen wir heulen?

Nein, wir müssen den Kölner Piraten die Gelegenheit geben, die bundesweite Kritik an ihrer Position zu diskutieren. Ein „Mir san Mir“ aus Köln kann es nicht geben, weil Handlungen in Köln, eben weil wir eine vernetzte Bewegung sind, uns alle angehen.

Natürlich gibt es Kölner Mitglieder der Piratenpartei, die explizit gegen ein Jüdisches Museum sind. Andere versuchen, Kritik am Beschluss durch Sperranträge gegen Fragende auf der Kölner ML zu unterbinden.[8]

Was aber nicht sein kann ist, das jetzt ein gesamter KV wegen einer Entscheidung die nicht toll ist, am Pranger steht.

Toller wäre es gewesen, die Nachricht zu verbreiten: „die Piratenpartei, insbesondere die Kölner, ist für ein Moratorium bei Großbauten in Köln, fordert aber, dass bei der Realisierung des Projektes ein Jüdisches Museum in Köln absolute Priorität hat.“

Noch schöner wäre es gewesen, wenn die Kölner Piratenpartei einen Beschluss in dieser Richtung gefällt hätte.

Jedes Mitglied der Piratenpartei soll jedes andere begleiten, stützen, und, wo nötig auch kritisieren.

Heute haben viele Mitglieder der Piratenpartei ihre Verantwortung wahr genommen und ein ernstes Thema ernst diskutiert.Sie waren um Fakten bemüht. Dieser Teil der Piratenpartei war gut für uns alle.

Und wen es Kölner Mitglieder der Piratenpartei gibt, die sich „Einmischung von außen verbitten“ haben sie die Piratenpartei nicht begriffen. Wir sind eine Partei, ein Innen und außen bei Angelegenheiten, die uns betreffen, gibt es nicht.

 

Monika @Loreena1968 Belz danke ich für die Grundlegende Idee Hinter dem Post.

Ich danke @Elquee sowie @AranJaeger fürs Redigieren und die nötige Kritik.

[1] Sparen für Geschichtsvergessene

[2] Köln: Protest gegen das Jüdische Museum

[3] Jüdisches Museum

[4] Jüdische Museum in Berlin

[5] Quander rechnet mit 350.000 Besuchern

[6] Antrag X010

[7] Werner Peters, Mitinitiator der Initiative, der die Notwendigkeit eines eigenen jüdischen Museums nicht sieht: „Die Kölner Juden sind Teil der Geschichte der Stadt und die gehört ins Stadtmuseum.“ http://www.ruhrbarone.de/koeln-protest-gegen-das-juedische-museum/

[8] Graciehoppers Sperrantrag gegen Netzhocker

Jakob Augstein und Anderes

5. Januar 2013

Das Simon Wiesenthal Center ( SWC) in Los Angeles hat Jakob Augstein auf eine Liste der zehn gefährlichsten Israelhasser /Antisemiten gesetzt.[1]

Das SWC ist weder ein akademischer Wächterrat, noch eine Institution, die universell und einzig das Recht hat, Listen von Israelhassern, Antisemiten oder schlich Blöden Menschen und Organisationen auf der Welt aufzustellen. Das SWC ist nichts als eine politische Organisation in den USA. Diese Organisation ist deutlich rechts zu verorten.

Seine Artikel triefen vor Dumpfheit

Augstein ist jemanden, der als unreflektierter Israelhasser gelesen werden kann – ein Antisemit ist er sicherlich nicht; aber er ist auch nicht bloßes Opfer einer Böswilligen Kampagne. Seine Artikel zu Israel sind einseitig und triefen vor Dumpfheit. Zurecht kann man ihn schlicht als tendenziös bezeichnen.

Er ist nichts als ein mittelmäßiger Journalist, der mit seiner Ich-bezogenen, billigen Polemik gegen den Staat Israel ein Skandälchen hervorrief. Dass man ihn nun auf die Liste der zehn gefährlichsten Israelhasser der Welt zusammen mit Ajmadineshad und der faschistischen Jobbik-Partei setzte, ist schlicht daneben.

Ja, Augstein [..hat..] Israel in einer dramatisch verallgemeinernden und diffamierenden Weise dargestellt, das gilt nicht zuletzt für die jüdische Orthodoxie, […] das gilt für die israelische Außenpolitik, das gilt für die israelische Gazapolitik. Er spricht immer von Israel ganz allgemein, er spricht von den Juden ganz allgemein.“[2]

Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Dramatisch verallgemeinernd und diffamierend

Es ist auffällig, dass, wenn es um den Staate Israels geht, jeder Vorwurf sich selbst als Beweis und legitim gilt – egal wie abstrus er ist. Dies gilt auch in der Piratenpartei.

Alles, was Hamasterroristen und Fatahverbrecher tun, wird hingegen relativiert: Die Verantwortung von Hamas, Fatah und Hizbu ‚llah an der Bombardierung des Staates Israel mit Granaten mit dem Ziel der Verstümmelung und Ermordung seiner Bürger, die Verbrechen des Iranischen Regimes, das Morden von Attentätern etc. Dies gilt ebenso in der Piratenpartei.

Beim Staat Israel wird hingegen jede Handlung moralisch gewichtet. Da ist Gaza dann, in der Sprache der Hamas, ein Konzentrationslager und die Assoziation zum KZ gewollt.

Solches Handeln und Reden hat ein Ziel: die Hamas und Fatah, die das eigene Volk aufhetzen, in der BRD als Opfer darzustellen. Diese Haltung verschärft den Konflikt in Nahost, sie hat keinen positiven Effekt.

Wer dieses Vorgehen kritisiert, wird als linksradikal diffamiert oder von ihm wird einseitig sachliche Kritik eingefordert. Das Recht auf sachliche Kritik wird übrigens immer von denen eingefordert, die weder eine vernünftige Analyse noch sachliche Kritik produzieren.

Dann wird der Vorwurf erhoben, dass “immer mehr Antisemitismus“ geschrien werde. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass antisemitischen Ressentiments tief in der Gesellschaft verankert sind. [3] Der Vorwurf des angeblich inflationären Gebrauchs einer Kritik ist schlicht ein Abwehrreflex, um nicht inhaltlich argumentieren zu müssen. Die Abwehr von Kritik an rassistischen Äußerungen funktioniert genauso.[4]

Nichts als die Vernichtung des Staates Israels

Der Kampf der Hamas, Fatah und Hizbu ‚llah ist kein „gerechter“ Kampf, denn er steht in einer historischen Linie mit den Vernichtungsphantasien der Nazis. Organisationen wie Hamas und die Fatah haben religiöse und völkische Scharfmacher als Mitglieder und Führer; sie verfolgen eine Ideologie, die zurückzuverfolgen ist bis zur Zweitwohnung des Großmuftis von Jerusalem in Berlin unter Adolf Hitler.[5]

Diese Linie zu durchbrechen ist die einzige Chance auf Frieden. Das wird irgendwann geschehen, wenn die Arabischen Staaten demokratische Rechtsstaaten sind; und kein Despot mehr da ist, der die Palästinenser für seine Zwecke benutzt. Bis dahin muss Israel versuchen zu überleben. Den Menschen das klarzumachen wäre ein Dienst am Frieden in Nahost. Die Schmähung des Staates Israel im Gewand der Aufklärung ist es nicht. Eine Politik, die auf den Menschen und den Frieden in Nahost zielt, muss die Existenz des Staates Israel stützen und Demokraten unter den Palästinensern unterstützen.

 

Herzlichen dank an Grashalm GrünGlück @KURHOF für das beseitigen von Fehlern.

[2] In einer Demokratie muss auch Unsinn erlaubt sein  

[3] Antisemitismus in Deutschland

[4] Diskussion unmöglich bei Anti-Antisemitismus?  

[5] Mohammed Amin al-Husseini und Der Großmufti von Jerusalem beim Führer 

Heuchler 2.0 oder Die Piratenpartei als Freunde der Jüdischen Vorhaut?

2. Juli 2012

Um es gleich zu sagen: ich bin gegen die Beschneidung von Jungen, egal ob Jüdisch, Muslimisch oder Indigen, egal ob exakt am 8 Tag nach der Geburt oder  später vor Erreichen des 16 Lebensjahres. Aber ich bin auch gegen die Taufe und jedes andere archaische Ritual, das zur Zementierung von Religionen durch den Elternwillen dient. Gegen die  Verstümmelung von Mädchen durch Beschneidung  aus  Tradition, Ethnischen oder  Religiösen Gründen bin ich ebenso.  Als Atheist kann ich gar nicht anders.

Dass das Kölner Urteil zur Beschneidung vom 26.06.2012 die besondere Situation von Angehörigen des Jüdischen Glaubens aufgrund der historischen Ereignisse in Deutschland konsequent ignoriert, darf nicht unwidersprochen bleiben. Aus Persönlicher Betroffenheit, kann ich, auch hier, gar nicht anders als wiedersprechen.

Beschneidungsverboten als Teil der Verfolgungsgeschichte

Fakt ist, Historisch verschiedene Arten von Beschneidungsverboten sind  Teil der Verfolgungsgeschichte des Jüdischen Volkes. Gerade einmal vor knapp 200 Jahren wurde in Württemberg ein über 80 Jahre lang gültiges Verbot der Beschneidung abgeschafft. Wer dies Verkennt, oder gar von „Faschismuskeule“ bei dem Hinweis auf dieses Faktum Lamentiert, der will zum Beschneidungsverbot auch noch ein Schweigegebot verhängen!

Ein deutsches Gericht verteidigt die Vorhaut Jüdischer Jungs gegen Ansprüche  ihrer beschnittenen Väter. Eine entrüstete deutsche Öffentlichkeit,  unter anderem jene Piraten, die die lqfb Initiative 3733 „Bräuche, die in die körperliche Unversehrtheit von Kindern eingreifen, sind abzuschaffen.“(1) gestartete habe,  bemerkt, offensichtlich und unübersehbar, erst in Folge des Urteils, welch eine „Unmenschliche Tortur“ den jüdischen Jungs acht Tage nach ihrer Geburt angetan wird.

Vielfach ist in einschlägigen Kommentaren zu lesen, dass, wer solches tut, auch fähig ist, den Mädchen die Klitoris wegzuschneiden, Witwen zu verbrennen und wegen des erlittenen frühkindlichen Traumas eigentlich zu allen möglichen Bösartigkeiten in der Lage ist.

Man merkt den Kommentaren und den daraufhin gestarteten initiativen an, das schon jetzt, voller Freude und Erwartung, drauf gelauert wird, erste jüdische Eltern oder Ärzte von deutschen Gerichten hinter Schloss und Riegel geschickt zu sehen, da sie meinen, am Glauben festhalten zu müssen oder zu wollen.

Hass und Verachtung statt Empathie und Diskussion

Die extreme spirituelle Bedeutung, die Berit Mila für das Jüdische Volk einnimmt, scheint den Menschen, die die Ächtung dieses Rituals fordern, nicht klar zu sein.  Ach, was schreibe ich.  Wenn ich ehrlich zu mir selbst bin, so ist mir klar, das  Empathie und Diskussion in ihrem wollen und streben keinen Platz haben. Sie haben ihr Urteil gefällt. Dieses Urteil basiert bei vielen auf Erkenntnissen, die sie exakt nach dem 26. Juni 2012 gewonnen haben.

Sie wollen nichts hinterfragen, Diskutieren, mit den Augen anderen sehen. Sie haben sich am 26.06.2012 eine, in Granit gehauene Meinung über etwas, was die meisten vor dem 25. Juni 2012 nicht kannten, gebildet.

Vom Licht in der Finsternis

Wie kein anderes Gebot steht die Brit Mila symbolisch für die Zugehörigkeit zum Judentum, sowohl für Juden als auch für Nichtjuden.

„Wie die Brit Mila in der Vergangenheit eine wesentliche Grundlage der jüdischen Religion und damit des jüdischen Volkes bildete, so wird sie auch in der Zukunft unverzichtbar und unabänderlich ein prägendes Element für die Zugehörigkeit zum Judentum darstellen, in Einklang mit dem ethischen Gesetzeswerk der Halacha, und als Ausdruck des Annehmens des Bundes mit dem Ewigen durch Sein Volk.“ (2)

Berit Mila wurde  an den Finstersten Orten, die ein Mensch sich vorstellen kann, seien es die Gettos von Warschau, Riga, Lemberg,  in KZ’s wie  Auschwitz-Birkenau ebenso wie in Majdanek und an all den anderen Orten, deren Namen schrecken, Leid und Vernichtung bedeuten, voll Freude, als  Zeichen, das es auch in den Dunkelsten Stunden Hoffnung auf eine überleben gibt, gefeiert.

Dieses Ritual, das nicht nur an diesen Orten des Schreckens, eines der wichtigsten jüdischen überhaupt ist, ist es deshalb, weil sich in ihm der unerschütterliche Glaube an den Fortbestand des jüdischen Glaubens ausdrückt, die Hoffnung darauf, dass der Bund Abrahams mit Gott in alle Ewigkeit Bestand haben wird!

Finsteren Phrasen statt Innehalten und Nachdenken

Ich habe ein massives Problem damit, dass just nach dem Urteile die Hasser alles Jüdischen und Islamischen aus ihren Löchern gekrochen kommen. Das sie  Morgenluft witterten und allem, was sich der wohlfeilen Zustimmung zum Urteil nachdenklich in den Weg stellt mit finsteren Parsen bewerfen.

Besonders aber habe ich ein Problem damit, dass es auch bei der Piratenpartei Freibeuter des Populismus gibt, die in den trüben Gewässern des antijüdischen und antiislamischen Beute zu machen hoffen und dafür das Feld der  „religiös motivierter Gewalt gegen Kinder“ entdecken.

Wo waren diese tapferen Kämpfer für die Vorhaut jüdischer und muslimischer Jungen vor dem 26. Juni 2012 eigentlich?  Wer, wie TERRE DES FEMMES, schon seit Jahren Teil des weltweiten Kampfes gegen Genital-Verstümmelung ist, der ist für mich glaubwürdig, auch in seinen Äußerungen gegen Beschneidung bei Jungen, wenn dies auch ein vollkommen anderes Feld als das ihre Arbeit ist.

Wer aber meint, ein Menschenrecht auf die Intakte Vorhaut  erfinden zu müssen, exakt zu der Zeit, zu der in den Foren er deutschen Zeitungen Sätze über Juden wie  „es wird niemand gezwungen hier zu bleiben wen es ihm nicht mehr in Deutschland gefällt “ und sachliche Diskussionsbeiträge zum Thema wie  „Zum Bezahlen sind die Ungläubigen immer gut. So sieht’s aus. Aber darüber redet keiner.“ zu tausenden Verbreitet werden, der hat meines Erachtens nach ein Problem!

Der hat ein Problem mit seiner Verortung. Vor dem 25.Juni 2012 wäre eine Diskussion über die lqfb Initiative 3733 eine halbwegs rationale gewesen. Vor dem 25. Juni wäre es eine initiative gewesen, bei der ich gesagt hätte, ok, ich mache mir die Mühe, alle mir bekannten Initiationsriten als Vorschlag zur Erweiterung einzubringen.

Vor dem 25.Juni 2012 hätte ich gesagt, lasst uns das tun, was die Piratenpartei auszeichnet: mit den Menschen, die  Initiationsriten, auch die Beschneidung  als Teil ihres Glaubenskonzeptes begreifen, reden.

Als Letztes: vor dem 25.Juni 2012 hätte ich das Nachdenken über eine symbolische Beschneidung von Kindern als Auseinandersetzung mit einem Ritus, der mir als archaisch erscheint, und als Bereicherung der Diskussion empfunden.

Wie gesagt, dies war einmal.

Ich kann einfach Initiativen nicht als unabhängig vom Zeitgeist und als Ausdruck einer tieferen Überzeugung identifizieren wenn die Initiatoren so absurd abhängig von einer aus dem Ruder gelaufenen Diskussion wie der über ein Beschneidungsverbot handeln. Hier muss ich sie aber als teil der Menschen, die in den Kloaken des Internets den Traum der Einschränkung der Religionsfreiheit von Juden und Muslim Träumen, wahrnehmen.Mir beleibt aber, durch die einseitige Aufmachung der Initiative und den Zeitpunkt der Präsentation, gar nichts anderes Übrig. Alles andere würde bedeuten, das ich mich selber betrügen würde!

Heuchelei und Doppelmoral

Hinzu kommt noch die abgrundtiefe Heuchelei der Freunde der jüdisch/muslimischen Vorhaut.

Denn, und das muss man ganz klar sagen: Die lqfb Initiative 3733 „Bräuche, die in die körperliche Unversehrtheit von Kindern eingreifen, sind abzuschaffen.“ richtete sich eindeutig und ausschließlich gegen Juden und Muslime!

Ich wünschte mir, dass die Piratenpartei nicht mit zweierlei Maß messen würde. Wenn Piraten dem jüdischen und muslimischen Glauben ihre Initiationsriten mit der Begründung des Selbstbestimmungsrechts verweigern, müssen ebenjene Piraten das auch mit dem Christentum machen und Kindertaufe, Kommunion, Firmung, und Konfirmation verbieten.

Nun, dabei müsste man sich aber als Laizistische Partei Präsentieren, müsste über zwang in Religionen allgemein Diskutieren. Das wäre natürlich Zuviel verlangt von Menschen, denen es einzig darum geht, auf der Welle der augenblicklichen Empörung zu reiten!

Aber eines ist klar, nach dem Urteil und dem Überbordenden Hass, der ihnen und ihren Traditionen entgegenschlägt, werden Juden und Muslime sich fortan in Deutschland noch weniger heimisch als zuvor fühlen.

Nachtrag:

Wie üblich in der Bundesrepublik kommt man auch bei der Frage der Beschneidung nicht um die Vermengung einer Einzelfrage, die auch Juden betrifft,  mit der Politik des Staates Israel herum. Hier eins der nicht ganz so Widerwärtigen Exemplare: „kann ruhig auch gefragt werden, inwiefern sich eine irreversible religiöse Körpermodifikation,….. Ironie: Analog zum Siedlungsbau in Palästinensergebieten werden auch hier Tatsachen geschaffen.“ ( http://storify.com/ath_nikow/das-beschneidungsverbot-von-koln )

https://lqfb.piratenpartei.de/pp/initiative/show/3733.html

Beschneidung und jüdische Identität, von Rabbinerin Dr. Yael Deusel, http://a-r-k.de/britmila/