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What is this land Germany, so many travel there

27. Juni 2012

Wenn in der BRD um „Integration“ gestritten wird, geht es immer um Migration und die gesellschaftlichen Folgen von Einwanderung. Grundlegend aber geht es in dieser Debatte darum, in welcher Gesellschaft wir leben wollen.

Denn hinter den verschiedenen Positionen zu Migration und Inklusion stehen absolut gegensätzliche Vorstellungen von Gesellschaftlicher Entwicklung und Demokratie. Eigentlich ist die Integrationsdebatte somit eine Ordinäre Selbstverständnis Debatte.

„Integration“ als Begriff stellt dabei schon ein Problem dar. Denn wer soll sich hier warum und wieso in was integrieren? Und was für ein Prozess wird hier gefordert? „Integration“ bedeutet wörtlich so viel wie Einbeziehung oder Verschmelzung. Es wird bei „Integration“ und den Integrationsfetischisten  immer von mindestens zwei in sich geschlossenen, sich gegenüberstehenden Ethnien  ausgegangen, deren Verschiedenheit behauptet wird, die aber doch zu einem Ganzen werden sollen.

The McNicholas, the Posalski’s, the Smiths, Zerillis too

In der vorherrschenden Diskussion wird meistens wie selbstverständlich behauptet und statt der  Realität gesetzt , dass es bereits eine mehr oder weniger Heterogene Gruppe, auch „Aufnahmegesellschaft“ genannt, gibt, in die sich Neuankömmlinge einzufügen haben. Die als Fremd definierten Menschen sollen sich in die Merheitsgesellschaft einfügen, statt beispielsweise eine eigene mehr oder weniger Heterogene Gruppe, auch als „Parallelgesellschaft“ bezeichnet, zu bilden.

Der Knackpunkt ist, ob dieses eins-werden durch eine Unterordnung unter eine behauptete Leitkultur erreicht wird.  Unter dieser Bedingung ist „Integration“ dann Assimilation, die von den zu Integrierenden den Verzicht auf die eigenen Lebens- und Wertevorstellungen verlangt.

Ausgegangen wird dabei von einer „Mehrheitsgesellschaft“, die nicht nur einen fertigen Wertekanon und Verhaltenskodex besitzt, sondern diese nicht nur bereit stellt, sondern auch eine Infragestellung des vorgegebene  Wertekanons und Verhaltenskodexes nicht verträgt, ja verteufelt. Eine solche Gesellschaft kann niemals auch nur Vorgeben eine demokratische zu sein.

Demokratie bedeutet Leben, Infragestellen und auch Ausbau des vorhandenen. Ein Statischer und  fertiger Wertekanon und Verhaltenskodex,  der Kritik und Infragestellung nicht verträgt und Unterordnung verlangt, ist Diktatorisch und antidemokratisch.

The Blacks, the Irish, Italians, the Chinese and the Jews

Ein Gegenentwurf wäre eine Gesellschaft, die beweglich und offen ist, so das sie verschiedene Lebensweisen zulässt. Das Ziel wäre dann eine Demokratische Einigung über die Regeln, die das gemeinsame Leben  nun einmal erfordert. Und dies Gerade nicht unter der Maßgabe, dass die existenten Regeln einfach von den „Neuen“ übernommen werden müssen. Eine solche Gesellschaft erfordert die Partizipation aller, die Möglichkeit aller, die Regeln, an die man sich halten soll, mitzugestalten.

Aber bereits die Vorstellung, es stünden sich zwei absolut homogene Gruppen, die der deutschen und die der Migranten,  gegenüber, ist Herbei phantasiert und so nicht haltbar. Es ist, denen, die sehen können, klar und auch offensichtlich, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der verschiedenste Lebensentwürfe, Werte und kulturelle Konventionen vertreten sind und nebeneinander koexistieren.

Und das ist nicht nur ein Fakt, es ist auch ein absolut schützenswertes Gut, das diese Gesellschaft ausmacht und Prägt.

 

Ernsthaft: Wer, außer den Herren Apfel, Pastörs, Köster und Voigt, will schon in einem Land leben, in dem alle dieselben Gerichte kochen, dieselbe Musik hören, die selben Filme schauen, sogar die   gleiche Kleidung tragen? Eine Anpassung an eine vorgefundene Kultur ist für menschen, die über mehr als den IQ eins Knäckebrots verfügen, nicht nur nicht erstrebenswert, sondern auch unmöglich, will man in einer demokratischen, agilen, veränderbaren Gesellschaft leben.

Come across the water a thousand miles from home

Wie soll dann die Alternative zu einer inter- oder multikulturellen Gesellschaft aussehen? Fakt ist, anzuerkennen, dass die Bundesrepublik eine interkulturelle Gesellschaft ist und das es keinen Demokratischen weg hin zu einer wie auch immer halluzinierten Monokulturen Gesellschaft gibt. Auch wenn man jegliche Einwanderung augenblicklich beenden würde, wird sich daran niemals nichts ändern.

Die Deutsche Diskussion über „Integration“  verengt sich auf „die Muslime“, „die Türken“, „die Araber“ oder „die Salafisten“. Hier werden „Gruppen“ erst mal künstlich konstruiert  um dann ebendiese künstlichen, selbst erschaffenen Gruppen zu stigmatisieren.

Der Augenmerk richtet sich dabei auf eine herbeigeredete, angebliche „Integrationsunwilligkeit“, wobei fehlende Schulabschlüsse, Arbeitslosigkeit etc. zunehmend propagandistisch mit den, den künstlich geschaffenen Gruppen angedichteten „traditionellen patriarchalischen“ Familienstrukturen erklärt werden.

Um nicht missverstanden zu werden: es gibt in dieser Gesellschaft  traditionelle patriarchalische“ Familienstrukturen. Diese gib es aber nicht nur in „Migranten“ Familien sondern auch und immer noch in Familien, die sich als teil der „Mehrheitsgesellschaft“ betrachten.

With nothin‘ in their bellies but the fire down below

Damit wird einerseits die verfehlte Politik kaschiert und gleichzeitig gesellschaftliche Probleme personalisiert sowie gleichzeitig ethnisiert und kulturalisiert. Die Tendenz der derzeitigen Debatte über „Integration“ lässt sich Plakativ wie folgt zusammenfassen: Eine Tendenz zur doppelten Marginalisierung.

Zunächst werden die Zugewanderten Politisch und Gesellschaftlich ausgegrenzt. Die Folgen dieser Ausgrenzung werden sodann den Ausgegrenzten selbst als Defizite angelastet. Damit entzieht sich die Gesellschaft  ihrer Verantwortung und kann sich als tolerant selbst beweihräuchern.

Und weil die Marginalisierten angeblich sozial schmarotzen, Bildung verweigern, reiche deutsche Kinder abziehen und verprügeln und die einzigen in diesem Land sind, die noch etwas gegen Schwule und Frauen haben, kann sich die sich selbst als Mehrheitsgesellschaft betrachtende Gruppe obendrein noch als Opfer ihrer eigenen Toleranz sehen.

Verstärkt wird dieser Effekt durch die wiederkehrende Beschwörung einer Leitkultur-Debatte, die so unfruchtbar wie ewig-gestrig ist und einzig auf die Ausgrenzung von Mitmenschen abzielt.

They died building the railroads, worked to bones and skin

Die Globalisierung, der faktische Wegfall von zwischenstaatlichen Grenzen in Europa und die zunehmende Individualisierung der Gesellschaft führen zu neuen Freiheiten und Möglichkeiten. Sie führen jedoch auch zu einem Wegbrechen der Vorstellungen von abgeschlossenen, „begrenzten“ Gesellschaften. Aus der Unfähigkeit mit den Realitäten umzugehen erwachsen Ängste und Abgrenzungsabsichten.  Angst und Abneigung vor allem möglichen als Unbekannt und Fremden empfundenen.

„Je weniger Grenzen die Staaten trennen, desto höher werden die Gartenzäune „, die die ihrer Identität beraubten Teile der Bevölkerung um sich herum errichten wollen. So sehen wir seit Jahren eine Zunahme rassistischer Tendenzen in der „Mitte der Gesellschaft“, bei Eliten und solchen, die sich selbst gerne dazu zählen. Die Abgrenzung und Herabsetzung „der Anderen“ hat dabei den Zweck, sich selbst und die vermeintlich „Seinen“ auf eine höhere, kulturell überlegene Stellung zu heben.

Dabei ist auffallend, dass eine eigene Identität nicht positiv beschrieben werden kann. Die Sarrazins und Seehofers dieser Republik treten nach „unten“ gegen Menschen, die ohnehin schon gesellschaftlich marginalisiert sind, können aber eine Positivformulierung von „Leitkultur“ nicht liefern. Im Zweifel müssen die „Werte des Grundgesetzes“ herhalten, was auch immer damit gemeint ist.

Die Frage ist, wie die grundsätzliche Gleichheit und gleiche unantastbare Würde der Menschen , die im GG erklärt wird, mit Debatten über „Kopftuch“ und angeblichen Sozialschmarotzer in einklang zu bringen ist.

Die Definition von Menschen als „Migrant“ führt zu einer Rechtfertigung staatlicher Repression und vielfachen strukturellen Benachteiligungen. Menschen ohne dauerhaft gesicherten Aufenthaltstitel sehen sich mit Anforderungen konfrontiert, die sie erfüllen müssen, um in Deutschland bleiben zu dürfen.

Died in the fields and factories, names scattered in the wind

Begnügte sich der Staat vormals im Wesentlichen damit, dass diese Menschen nicht schwer straffällig werden durften und ihren Unterhalt möglichst ohne den Bezug von Sozialleistungen sichern sollten, müssen sie heute ihre „Integrationswilligkeit“ nachweisen. Sie müssen „Integrationskurse“ besuchen, in denen sie die Feinheiten des deutschen personalisierten Verhältniswahlrechts lernen, obwohl sie überhaupt nicht in den Genuss der Ausübung dieses Wahlsystems kommen. Sie lernen deutsche Mittelgebirge, von denen kaum ein Norddeutscher je gehört hat. Sie kennen am Ende der Kurse das Grundgesetz besser als die meisten deutschen Staatsbürger, obwohl viele der darin festgehaltenen Rechte ihnen vorenthalten werden.

Am schlimmsten trifft es aber diejenigen, die einen Antrag auf Asyl gestellt haben oder deren Antrag abgelehnt worden ist. Sie dürfen in der Masse der Fälle nicht arbeiten und unterliegen einer Residenzpflicht, dürfen also den Landkreis, in dem ihre Unterkunft liegt, nicht verlassen.

Viele Flüchtlinge werden, etwa in Bayern, in Lagern zusammengepfercht. Dort dürfen sie nicht mal entscheiden, was sie essen wollen, sondern sind an die Lieferungen des Staates gebunden. Ausreichend Geld zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse erhalten sie nicht.

Doch selbst deutsche Staatsbürger mit „Migrationshintergrund“ sind von besonderer Ausgrenzung betroffen. In der Schule unterstellt man ihnen grundsätzlich, Probleme mit der deutschen Sprache zu haben. Sofern sie die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen haben, mussten sie oftmals eine andere Staatsbürgerschaft aufgeben, obwohl Millionen Deutsche eine doppelte (oder dreifache) Staatsbürgerschaft besitzen, ohne damit zu Staatsverrätern oder untreuen Gesellen zu werden.

 Died to get here a hundred years ago, they’re dyin‘ now

Die derzeitige Integrationsdebatte offenbart und verstärkt antidemokratische und Kultur-rassistische Tendenzen in der sich als Mehrheitsgesellschaft begreifenden Bevölkerungsgruppe.

Kultur-rassismus bedeutet, dass rassistische Argumentationsmuster nicht mehr biologistisch, sondern kulturell  begründet werden. Denn biologische Begründungen sind nach der Nazizeit aus der Mode gekommen. Die Begründungen von „wesensmäßiger Andersartigkeit“ haben sich also von der biologischen auf die vermeintlich unverfänglichere kulturelle Ebene verlagert.

Der Begriff Kultur wird in diesem Zusammenhang als etwas unveränderliches, den Menschen sozusagen genetisch mitgegebenes,  dargestellt. Es gibt demnach neuerdings also keine Rassen mehr, dafür aber Kulturkreise. Ähnlich wie beim Begriff Rasse wird der Begriff Kultur dabei als eine homogene Gesamtheit gedacht, die den einzelnen Menschen aus einem bestimmten Kulturkreis quasi durchtränkt.

Also: Kommst du aus einem anderen Kulturkreis, hast du eine andere Kultur, die untrennbarer Bestandteil von dir ist und du kannst dich deshalb nicht in Deutschland integrieren.

Aussagen von Spitzenpolitikern wie z.B. Horst Seehofer, dass die Einwanderung von Menschen  aus muslimischen und arabischen Ländern nicht erwünscht sei, weil sie kulturell so andersartig seien, sind nicht nur rassistisch sondern auch gegen den Gleichheitsgrundsatz gerichtet.

The hands that built the country we’re always trying to keep down

Von Spitzenpolitikern und unseren so sehr geschätzten „Eliten“ ventiliert, bewirken sie zudem eine Enttabuisierung und machen so rassistische Äußerungen gegenüber Muslimen salonfähig und verstärken damit rassistische Grundeinstellungen in der Bevölkerung.

Die sich permanent wiederholenden Endrüstungs-, Angst- und Kulturkampfdebatten lassen sich auch so interpretieren: Es geht dabei um Macht und den Zugang zu sozialem Status und die Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums.

Die „Mehrheitsgesellschaft“, die sich daran gewöhnt hat, die Einwanderer und deren Nachkommen auszugrenzen oder zu ignorieren sowie sie von den politischen Entscheidungsprozessen  de fakto auszuschließen, sieht ihre Felle davon schwimmen!

Die Art und Weise der derzeitigen Diskussion, bei der die „Leitkultur-Deutschen“ als Richter und Ankläger omnipräsent sind und die Sichtweise der zu „Angeklagten“ degradierten Migranten medial fast gar nicht vertreten ist, wirkt befremdlich.

There’s diamonds in the sidewalk, there’s gutters lined in song

Ekelerregend wird die Diskussion, wenn, von selbsternannten Experten, erklärt wird, welche Migranten die Bundesrepublik braucht und welche nicht. Migration ist keine Casting-Show, bei der die Bundesrepublik sich gut ausgebildete Leistungsträger aussuchen und andere durchen den Bohlen ausscheiden lassen kann.

Die Rede ist hier von Menschen, die eigene Gründe haben, in einem anderen Land leben zu wollen. Nicht selten sind das politische Verfolgung oder Armut. Es muss für ein reiches, demokratisches Land im Mittelpunkt stehen, Flüchtlingen ein besseres und sicheres Leben zu ermöglichen und nicht die Konkurrenz am akademischen Arbeitsmarkt zu erhöhen.

Dear I hear that beer flows through the faucets all night long

Die grundlegende Frage ist aber: in welcher Gesellschaft möchten wir leben? Fakt ist, wir leben in einer hochdifferenzierten Gesellschaft. Wir sollten uns der Realität stellen und uns dieser Tatsache endlich bewusst werden.  Die Anerkennung dessen bedeutet, das wir das Recht auf Differenz anerkennen.

Vorstellungen, die gesellschaftlichen Pluralismus abschaffen wollen und uns eine homogene Gesellschaft als Idealbild vorgaukeln werden unter solchen Vorzeichen keine Chance mehr haben. Die Integrationsdebatte so wie sie derzeit geführt wird, ist ein blöder, rassistischer Diskurs..

There’s treasure for the taking, for any hard working man

Es gibt keine demokratische Alternative zu der faktischen interkulturellen Gesellschaft in der bundesrepublik. Es ist an der Zeit, strukturellen Diskriminierungen und dem Alltagsrassismus aktiv zu dekonstruieren.

Die rassistischen Ausgrenzungs- und Stigmatisierungsstrategien in der sogenannten Integrationsdebatte müssen als das gekennzeichnet werden, was sie sind: eine Ersatzdebatte nach dem Sündenbockprinzip. Weil andere gesellschaftliche Probleme – ein desolates Bildungssystem, angeblich unbezahlbare Sozialsysteme und so weiter – unlösbar scheinen, werden die Probleme auf eine Migrationsproblematik verkürzt.

Nicht zuletzt sollte endlich die Tatsache anerkannt werden, dass Deutschland lange nicht mehr nur die Heimat von „ethnisch Deutschen“ ist und auch noch nie war, die alleine definieren können, was und wohin integriert werden soll.

Who’ll make his home in the Germany land

 

Nachtrag:

Die Überschrift sowie die Zwischenüberschriften entstammen abgewandelt oder im Original dem Son „American Land“ von Bruce Springsteen. Nacheinander gelesen ergeben sie die sechste, siebte und den Beginn der achten Strophe.

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